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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Ich habe Besseres zu tun

Glatte Beine oder behaarte Beine? Bloggerin Sarah Rüegger musste sich diese Frage schon öfters stellen - oder hatte schlichtweg «Besseres zu tun», als sich um den Haarwuchs zu kümmern. Outsourcen heisst die Devise.
Beehaarte Beine Frau Rasur nackt
© Getty Images/Symbolbild

Nackte oder behaarte Beine - das ist hier die Frage.

Die letzten Wochen liessen sich wieder einmal unter die Kategorie «keine Zeit für Nichts» einordnen. Ich hatte wieder mal einen vollen Terminkalender. Das heisst, meine Arbeitszeit frass einmal mehr 12,5 Stunden meines Tages weg, von 12 bis 00.30 Uhr bin ich dann jeweils unterwegs und es galt Zeit zu sparen, Effizienz zu wahren.

Haare waschen? Zu zeitaufwendig. Waschen? Träum weiter. (Was heisst: Billige, unethisch produzierte Socken und Strumpfhosen in einer grossen schwedischen Modekette kaufen.) Einkaufen? Im Bahnhof oder neben dem Büro. Sport? Höchstens kurz morgens, aber ekelhafte Gelenkschmerzen halten mich momentan sowieso hauptsächlich davon ab. Essen? Vor dem Bildschirm. Mal was Anständiges essen? Kochen, mitten in der Nacht und dann nicht schlafen können. Ohnehin ist das Essen in meinem Terminkalender ein mühsamer Punkt und ich ende jeweils damit, irgendwelche leeren Kohlenhydrate in Kombination mit Fertigsuppe, -Salat oder Müesli zu essen. Oder eben einen Teller Pasta nach Mitternacht. Jeder Ernährungsguru (und das sind ja heute irgendwie alle) würde vor Frust mindestens ein Eclair verdrücken angesichts meiner High-Carb-Diät.

Anyway. Mein neuestes Motto lautet: Ich habe Besseres zu tun. Doch damit kann ich nicht ständig meine körperliche Verwahrlosung rechtfertigen. Und diese manifestierte sich in den letzten Wochen vor allem darin, dass meine an sich recht hübschen Beine eher einer herrlich gedeihenden Wiese glichen als dem gesellschaftlich anerkannten Bild einer stoppelfreien Helmut-Newton-Muse.

Natürlich kann eine selbstbestimmte Frau heute sagen, dass sie Besseres zu tun hat, als ihre Beine zu rasieren. Hat sie auch. Hab ich auch lange. Aber schliesslich sehe ich mich schon als den Typ Frau an, der auch emanzipiert nackte Beine tragen kann. Als Kind, das seine Pubertät in den glattgeschorenen 90ern verbracht hat (Backstreet Boys! Spice Girls!), ist man halt auch recht stark konditioniert. Ich erinnere mich noch an einen Spruch, der mir als 12-Jährige erstmals zu Ohren kam und danach sicher drei Jahre als lustig galt: «Du hast Beine wie ein Reh – so behaart.»

Der Spruch galt damals mir und das allgemeine Grölen der Runde teilte mir mit, dass ich meiner Mutter beibringen musste, mir einen Ladyshaver von meinem Sackgeld kaufen zu lassen. Nach kurzer Rebellion gegen das Schönheitsdiktat in meiner Hippiephase von 16 bis 17 unterwarf ich mich klaglos dem Diktat nackiger Beine. Zumal ich einsehen musste: Es gefällt mir auch selber irgendwie besser. Dass ich für dieses Selbstbild weder Zeit noch Lust habe, fiel mir letzte Woche wieder auf. Auf jeden Fall war für mich auf einmal glasklar: Um meine Haare sollen sich andere kümmern.

In meinen Endzwanzigern liess ich mir nun endlich erstmals mein Gestrüpp mit einem zähflüssigen Zuckerklumpen wegmachen. Schmerzt nicht viel mehr als sich die Augenbrauen zu zupfen und kostet nicht viel mehr als die Strümpfe, die ich brauche, um meine ungepflegten Beine zu verstecken.

Ich fühlte mich in dem Enthaarungsstudio ziemlich bourgeoise und fragte mich, was ich als nächstes aus meinem Alltagsleben outsource. Stelle ich eine Putzfrau ein? Bringe ich meine hübschen Kleidchen in die Reinigung? Lasse ich einen anderen meine Steuererklärung machen? Alles vorstellbar. Oh mein Gott, ich werde zum Snob!