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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Die andere Seite der Vernissage

Bloggerin Sarah Rüegger war auf einer Vernissage - für einmal aber nicht als Gast, sondern als Künstlerin. Das brachte die Modedesginerin in ein Dilemma.
Kunst Vernissage Künstler Apéro
© Getty Images/Symbolbild

Ein bisschen Smalltalk hier, ein paar Küsschen dort: der Alltag an einer Vernissage.

Letzte Woche wurde es mal wieder ganz umglamourös bei mir. Immer wenn ich das Wort «Glamour» überhaupt benutze, geht es um Mode, und wie immer meine ich genau das Gegenteil. Denn Glamour - pfft, was soll das denn überhaupt sein? Jedenfalls, es ging letzte Woche um Mode, meine Geschäftspartnerin Laura und ich hatten ein Engagement in der recht alternativen Berner Reithalle, im Rahmen einer recht alternativen Kunstversteigerung. Und immer, wenn das Wort Kunst in der Nähe ist, ist auch der Ausdruck Vernissage nicht weit, und so eine fand am Donnerstag statt im sonst eher partygebeutelten Dachstock der Reithalle. Eine Vernissage ist allgemein als ein Anlass bekannt, an dem die Eröffnung von irgendwas, dem das Wort Kunst Unterschlupf bietet, gefeiert wird.

Vernissagen waren in meinem Modedesignstudium Teil meiner Existenzgrundlage. Trinken für lau, Häppchen von Vorteil anwesend. Je schicker, desto nahrhafter war damals das Motto, bis irgendwer rausfand, dass Vernissagen genau so vollgestopft sind, wenn der Gast für das Leibliche zumindest einen «symbolischen Preis» bezahlen muss - sich kunstinteressiert geben kommt eben nie aus der Mode. Zu meiner Studentenzeit jedenfalls war das Ganze noch nicht zahlungspflichtig, und deshalb war jede erdenkliche Vernissage genau richtig für einen netten kleinen Absturz, der zumeist mitten in der Nacht in einer abgefuckten Bar endete. Anyway, ob nun zahlungspflichtig oder nicht, eine Vernissage hat so allgemein die selben Riten eigen.

Reinkommen, Küsschen hier, Küsschen da, je mehr Küsschen gesammelt werden, desto höher der Status in der lokalen Kunstszene, ist doch klar. In der Regel haben sich die Kenner etwas, aber nicht zu sehr, schick gemacht, in der Regel schwarz, in der Regel mit einer Kopfbedeckung, die den Look bricht, ihn «edgy» macht. Lippen von Vorteil in Rot, die Herren gerne am Schopf kunstvoll zerzaust. Es wird also geküsst, etwas Smalltalk betrieben, man geht mal an die Bar, im Vorbeigehen ein Häppchen gefasst, falls vorhanden. Flüssiges ist von kruden Campari-Mixturen bis Weisswein vorhanden, an einer Studentenvernissage gibts auch mal Prix-Garantie-Bier, man ist schliesslich arm und sexy.

Dann quatscht man sich noch mal so durch, bevor einem einfällt, dass man sich für das Gezeigte zu interessieren hat. Drink in der Hand haltend bahnt man sich einen Weg durch die Massen, guckt sich das Ganze alibimässig an, befindet es als irrelevant und stellt sich etwas länger vor das einzig halbwegs interessante Werk - falls vorhanden - und unterhält sich mit dem willkürlichen Nebenan über Farben, Formen und die Irrelevanz der Veranstaltung. Sollte das Nebenan der Künstler sein - hier wird es heikel - spart man sich den Teil mit der Irrelevanz und gibt ein paar zuvor bereitgelegte wohlwollende Floskeln zum Besten und erkundigt sich nach der nächsten Ausstellung des Kreativgenies. Man will ja die nächste Vernissage nicht verpassen.

Ist die Pflichtrunde getan, sucht man schleunigst seine Bekannten und bechert so viel wie möglich von dem Gratiszeugs - oder von dem Zeugs, das es zum symbolischen Preis gibt.

Etwas anders ist die Lage, wenn man selber ausstellt. Vor allem, wenn man Mode im Rahmen von Kunst ausstellt. Da ist in der Regel nicht viel zu holen, denn Mode, die an der Wand hängt, ist so sinnlos wie ein Haus ohne Dach in der Monsunzone. Total sinnlos. Mode muss man anfassen, anziehen, man muss sich durchgreifen können. Wir haben die Einladung zu dem Kunstdings deshalb auch nicht angenommen, um was zu verkaufen (zu utopisch), sondern weil wir am Freitag eine Modeperformance in der Pause der Kunstauktion machen konnten. Mode als Pausenfüller - das geht. Und Performances machen Spass, weil: Wir auf der Bühne, ihr unten, deal with it.

Trotzdem mussten wir an der Vernissage vor unserer kleinen Wand präsent sein, um den Leuten unser Konzept zu erklären. Das spielte sich dann etwa so ab: Ich sitze gegenüber von der Ausstellugswand (eigentlich eine Tür) und nuckle an einem Bier und rauche (ja, in einem Innenraum!). Sehe so den trinkenden Leuten zu, wie sie schauen, vielleicht kichern, im Lookbook blättern und weitergehen. Bleibt jemand länger stehen, pirsche ich mich ran, erkläre, die gucken mich gross an, geben ein paar wohlwollende Floskeln von sich, bedanken sich, ich gebe ihnen einen Flyer für unseren nächsten Event und sie gehen weg. Und ich frage mich unweigerlich, welchen Grad an Irrelevanz diese Leute gerade unserem Schaffen zugeschrieben haben.

Und ich denke mir: So also fühlt sich die andere Seite an. Autsch.

Im Dossier: Alle Blogs von Sarah Rüegger