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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Traurig - und selber schuld

Ein Umzug in eine andere Stadt bedeutet, dass ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Und auch wenn Bloggerin Sarah Rüegger sich darauf freut, stimmt sie die ganze Angelegenheit sehr nachdenklich.
Sarah Rüegger Blog: Umzug nach Bern
© Thinkstockphotos

Ein lachendes und ein weinendes Auge: Bloggerin Sarah Rüegger wird beim Kisten packen für den Umzug melancholisch.

Es gibt Dinge, die mich traurig machen, obwohl sie das Resultat meiner eigenen Entscheidungen sind. Das kann eine Trennung oder das abschneiden von eigentlich tollen Haaren sein. Im Moment ist es das Aufgeben eines Lebensabschnitts.

Ich räume zurzeit mein Studio in Saas Fee, organisiere zugleich den Umzug in den Grossraum Bern und habe soeben meinen Arbeitsvertrag für meinen neuen Job in Zürich unterzeichnet. Anderthalb Jahre habe ich auf diesen tollen 1800 Metern über Meer gewohnt - aus der geplanten kurzen Auszeit ist ein Mikro-Lebensabschnitt geworden. Und nun sitze ich zwischen Kleidungsstücken, Büchern und Sportartikeln und grümschele mich in ein neues Leben.

Sowas stimmt mich eben traurig und melancholisch. Und vor allem frage ich mich bei jeder Socke, ob die denn nun mit soll in das neue Leben. Ich weiss: Ich habe mich ja selbst für ebendieses entschieden. Und eigentlich ist ja auch alles halb so dramatisch, denn ich behalte ein Bett in Saas Fee. Von der Distanz her kann ich easy jedes Wochenende raufdüsen und vielleicht wird manch einer gar nicht merken, dass ich faktisch nicht mehr in Saas Fee wohne.

Dennoch werde ich weinerlich, wenn ich mich entscheiden soll, ob ich den Sticker, der mir ein Tourist geschenkt hat, behalten soll oder nicht. Wenn ich das T-Shirt, das ich an jenem tollen Abend getragen habe (und danach nie wieder) in den Kleidersack schmeisse. Oder wenn ich mich fragen muss, ob ich mein altes Snowboard verschenken oder daraus ein Regal oder ein Bänkli bauen soll (was ich dann wahrscheinlich eh nie machen werde). Meistens nehme ich mir bei sowas vor, radikal und gnadenlos alles Nutz- und Sinnlose in die ewigen Jagdgründe zu schicken - schliesslich ist das ja alles nur materialistischer Ballast, den ich als freier Geist nicht brauche. Meistens ende ich dann aber doch in einem Transporter voller Mist, wo ich mich bereits beim Verladen frage, warum ich den Krempel nun doch mitgeschleift habe.

«Chum mir zünde hüt üsi Wohnig a», singt Büne Huber in einem Lied - und so kompromisslos wäre ich gerne. In Berlin hatte ich einmal eine - zugegeben völlig durchgeknallte - Mitarbeiterin, die jedesmal, wenn sie sich zu angebunden fühlte, einfach ihren gesamten Besitz wieder auf einen Koffer der Grösse Easyjet-Handgepäck zusammenentrümpelte. Ich habe dieses Konzept immer sehr bewundert und nie vergessen, musste mir aber auch eingestehen, dass ich gefühlsmässig offenbar dazu nicht tauge und ganz offensichtlich einfach ein saumässiger Materialist bin.

Im Moment beschreite ich einen Mittelweg und habe durch das wegrationieren von T-Shirts mit unbezwingbaren Saucenflecken, Fastnachtskostümelementen und der Snowboardhose, die ich vor etwa 15 Jahren noch vom Geld meiner Eltern erstanden habe (die sind mir heute zu gross - was für ein Teenager war ich denn?), einen ganzen Altkleidersack gestopft. Das macht mich ein wenig stolz. Übrigens habe ich auch die Möbel meiner ehemaligen Zürcher Wohnung fast restlos verscherbelt. Wenn man das Zeug anderthalb Jahre nicht mehr sieht, verschwindet wohl auch der emotionale Bezug. Irgendwie befreiend. Und so habe ich es doch geschafft, aus dem Hochgebirge von Ramsch einen übersichtlichen Mittellandhügel von halbwegs Nützlichem zu formen. So schlimm besitzbezogen bin ich also doch nicht, wies aussieht.

Ich sollte mich echt nicht damit aufhalten, traurig zu sein. Denn ich kann mich ja auch auf etwas freuen. Auf die neue Wohnung zum Beispiel. Die so leer ist, wie mein Konto. Ups.

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