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  4. Netflix-Streaming-Tipp: «Zeit der Geheimnisse» – «Es war März» und bitterkalt

Der Tele-Streaming-Tipp der Woche

Netflix-Star Christiane Paul über «Zeit der Geheimnisse»

Ihr liebt Filme und Serien, wisst aber nicht, was ihr als nächstes schauen sollt? Kein Problem: Die Zeitschrift «Tele» stellt hier jede Woche Sehenswertes vor. Heute die Netflix-Serie «Zeit der Geheimnisse». Im Interview spricht Christiane Paul über Männer, Mächte, Medien und ihre Rolle in der neuen deutschen Netflix-Serie.

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Sonja (Christiane Paul, r.) rechnet mit verkorkster Vergangenheit ab.

Netflix

Ihr Talent, ihr Engagement und sicher auch ihre ausdrucks­starken, Warmherzigkeit ver­strömenden Augen bescherten Christiane Paul unzählige Rollen in TV­Serien und Filmen.

Nun wurde sie auch vom Strea­mingsektor entdeckt: Nach dem Sky­Endzeitdrama «8 Tage» (2019) wirkt sie in der deutschen Netflix­ Serie «Zeit der Geheimnisse» an der Seite von Corinna Harfouch mit.

In drei Folgen erzählt die als Familiendrama beworbene Mini­serie, was vier Generationen von Frauen einander während mehre­ren Jahrzehnten vorgemacht und verschwiegen haben. Jeweils an Weihnachten werden die Konflikte dramatisch hochgespült.

Das Resultat ist eine etwas andere Weihnachtsgeschichte. Mit anspruchsvoller Erzählstruktur – mal traurig, mal lustig und immer ungeheuer stimmig.

Tele: «Zeit der Geheimnisse» hüpft hektisch zwischen den Jahren 1989, 2004 und 2019 hin und her. Wie sind Sie vorgegangen, um das Publikum nicht zu überfordern?
Christiane Paul:
Das war laut der herausragenden Drehbuchautorin Katharina Eyssen in der Tat mit die schwierigste Frage im Schneide­raum. Man musste teilweise ganz anders editieren, als es im Buch vor­gesehen war.

Sie spielen Sonja, eine durch ihre Mutter desillusionierte Frau, die wiederum ihre eigene Tochter enttäuscht. Wie kamen Sie zur Rolle?
Über ein Casting. Einzig die Figur von Eva war mit Corinna Harfouch bereits besetzt. Der Rest wurde dann Figur um Figur zusammen­ gestellt. Ich bekam lediglich zwei Szenen fürs Casting. Aber nur schon dieser kleine Ausschnitt hat mir beim Lesen und Sprechen so viel Spass gemacht, dass ich diese Rolle unbedingt spielen wollte.

Die Serie spielt in Deutschland, gedreht wurde aber in Dänemark und Ungarn.
Genau, die Innendrehs fanden in Budapest statt. Für die Aussendrehar­beiten mussten wir auf Dänemark ausweichen, weil man so ein Haus am Meer in Deutschland schlicht nicht fand. Wir drehten in Løkken, einem Ort recht weit im Norden des Landes. Es war März und bitterkalt. Bis zu 14 Stunden am Tag setzten wir uns dem beissenden Wind aus.

Laut Netflix richtet sich die Serie explizit ans weibliche Publikum. Weshalb werden die Männer ausgeschlossen?
Nun, mit «Dark», «Dogs of Berlin» und «Skylines» hat Netflix in Deutschland schon sehr männliche Serien produziert. Mit «Zeit der Geheimnisse» wollte man wohl zur Abwechslung dem weiblichen deutschen Publikum etwas geben.

Auch Drehbuch, Showrun und Regie sind in Frauenhand.
Ich glaube, das war nie Bedingung und hat sich so ergeben. Übrigens finde ich, dass diese schöne Serie ab­solut etwas für Männer ist. Auch mein Mann, der Filme wie «Der Ter­minator» guckt, war total berührt.

Das Sehverhalten verändert sich sukzessive vom Programmhin zum Streaming-TV. Wie sehen Sie das?
Wir erleben da gerade eine Gold­gräberstimmung. Mit den Strea­mingdiensten, die kreativ wahnsin­nig viel ermöglichen, gibt es Alter­ nativen zu den altgedienten Kanä­len. Eine Serie wie «Dark» etwa wäre im öffentlich­rechtlichen Fernsehen nicht denkbar gewesen.

Sind die konventionellen Medien dem Untergang geweiht?
Das glaube ich nicht, nein. In einer Zeit, in der Donald Trump an der Macht ist, brauchen wir unbedingt verlässliche Nachrichtensendun­gen. Unparteiische Instanzen, die Nachrichten kuratieren und diese nicht in rein wirtschaftliche, mäch­tige Hände geben. Das haben wir ja bei Trump erlebt – mit der Beein­flussung der Wahlen und Men­schen über Twitter und Facebook.

Wie werden die klassischen TV-Sender überleben?
Derzeit beginnen diese ja auch, gute Serien zu produzieren, müssen aber dafür zum Beispiel ihre Sendeplatzprogrammierung stark umstel­len, um den aufstrebenden Strea­mingdiensten die Stirn zu bieten.

Sie erwähnten die Goldgräberstimmung unter den Schauspielern ...
Nicht nur unter den Schauspielern, sondern auch in den Filmcrews. Alle sind beschäftigt. Wo kriege ich einen Kameramann her? Gute Kos­tümbilder und Beleuchter? Zurzeit ist es kaum möglich, ein Team zusammenzustellen.

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Getty Images

Geboren: 8. März 1974
Wohnort: Berlin
Zivilstand: verheiratet
Karriere: Medizinstudium mit Promotion, Lee-Strasberg- Institut in N. Y., Engagements für TV, Kino und Hörbücher. Co-Autorin des Buches «Das Leben ist eine Öko-Baustelle».

Netflix-Serie «Zeit der Geheimnisse», 3-teilige Miniserie, D 2019, seit 20.11.2019 abrufbar.

Mehr Streaming-Tipps könnt ihr hier lesen.

Von Mischa Christen am 05.12.2019
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