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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Der fieseste Liebestöter der Schwulenwelt

Immer, wenn ich glaube, den perfekten Mann gefunden zu haben, kommt diese eine Unstimmigkeit dazwischen. Schon viele andere Beziehungen sind daran gescheitert. Wieso zwei Schwule nicht per se zusammenpassen. 

Es ist eins dieser Dates, von denen ich wenig erwartet habe. Einerseits geht es mir unheimlich auf den Geist, wenn ich zuerst zwei Monate hin und her chatten muss, bevor ich einen Mann in Fleisch und Blut treffen kann. Und andererseits passt es mir nicht, wie selbstverliebt sich der Typ im Internet darstellt. Aber an irgendeinem der vergangenen Silvester habe ich mir halt vorgenommen, auch jenen eine Chance zu geben, von denen mir meine geniale Menschenkenntnis eigentlich abrät.

Und da sitzt er nun vor mir. Die Haartolle glänzend und auf den Millimeter genau zurechtgerückt, das Gesicht wie von einem Bildhauer sorgfältig gemeisselt, das Outfit aus einem Hochglanzmagazin abgekupfert. Schade nur, interessiere ich mich nicht für Model-Typen. Zu geschliffen, zu konform.

Es kommt immer alles anders...

Nach drei Stunden mit ihm in meiner Lieblingsbar akzeptiere ich: Meine Menschenkenntnis ist Bullshit! Alles, was dieser Adonis sagt, ist so wahr, so lustig, so toll! Er ist toll! Seit einer Weile tu ich nur noch so, als würde ich zuhören. Denn in meinem Kopf bimmeln bereits die Hochzeitsglocken. In Gedanken bin ich mit ihm in eine moderne Penthouse-Wohnung am Zürcher Bellevue eingezogen, wo ich meinen und seinen Eltern ein Dinner zaubere.

Nur ein Tischchen, zwei leere Gläser und ein fast runtergebranntes Kerzchen stehen noch zwischen mir und meinem absoluten Traummann. Dachte ich da noch.

Die Bar schliesst, jetzt wirds ernst. Zu mir, zu dir? Zu dir. Hab wieder mal nicht aufgeräumt. Bei ihm zu Hause gehts dann schnell. Keine Zeit für warmen Kerzenschein, keine Zeit für Kuschelrock.

Und da passierts – oder eben nicht. Allmählich merken wir beide, während wir so übereinander herfallen: Der Liebestöter der Schwulenwelt hat alles vermasselt.

Aktiv braucht Passiv

In meinem letzten Blog stellte ich die zehn nervigsten Fragen von Heteros vor. Die erste lautete: «Bist du der Mann oder die Frau in der Beziehung?» Einige Leser waren mit meiner Antwort nicht zufrieden, weil ich die Frage nur auf klischierte Charakterrollen bezog. Aber sie kann eben auf das Sexualleben abzielen.

Auch bei uns gibt es Bienen und Blumen. Was manchmal platt als «Geber» und «Nehmer» bezeichnet wird, heisst im Schwulenjargon «aktiv» und «passiv» oder «top» und «bottom». (Was übrigens immer noch keinen der beiden zu einer Frau macht!) Ja, wer gedacht hat, wo sich zwei Schwule treffen, da funktioniert alles wie geschmiert... der hat eben den übelsten Liebestöter der Schwulenwelt vergessen: Den Aktiv-Passiv-Konflikt.

Flexibilität würde helfen

Viele klären vor einem ersten Date ab, ob es im Bett überhaupt passen würde. Um genau solche Situationen zu vermeiden. Doch in einem Anflug von romantischem Idealismus habe ich bei meinem Date darauf verzichtet.

Da wir beide nicht mit Flexibilität gesegnet sind, liegen wir jetzt da, schweigen und starren die Decke an. In meinen Gedanken schreibe ich die Kündigung für das Penthouse. Und am imaginären Esstisch sitzen weder Eltern noch Schwiegereltern – noch der absolut tolle Traumtyp, den ich nach diesem Abend nie mehr wiedersehe.