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Voll schwul!

Auf Dating-App-Entzug

Das Fass ist wieder mal voll und SI-online-Blogger Onur Ogul löscht alle seine Dating-Apps. Dabei merkt er, dass sein Schritt einem Entzug gleichkommt.

Onur Ogul Blog

Wer in einer solch kleinen Stadt wie Zürich wohnt (nicht mal eine halbe Million Einwohner!), hat schnell einmal das Gefühl, er kenne jeden schwulen Single, den es noch gibt.

Wenn ich einen Blick in meine Dating-Apps werfe, sehe ich als erstes immer dieselben Nasen der Nachbarschaft. Klar, denn die Single-Plattformen für Smartphones zeigen die User in der Reihenfolge ihrer Distanz an.

Scrolle ich ein bisschen weiter runter, sehe ich schnell einmal Typen aus einer anderen Stadt. Und da für einen faulen Menschen wie mich schon ein Freund in Winterthur (25 km!!!) eine Fernbeziehung bedeuten würde, ist das sehr frustrierend.

Aus reinem Frust (ich gebs zu!) lösche ich die Dating-Apps also wieder einmal von meinem Smartphone. Aus, fertig mit Rumscrollen, Anschreiben und vergebens auf Antwort Warten. Kein Heraussieben von Fake-Profilen mehr für eine Weile!

Ins Leere swipen

Da beginnt nun also der erste Tag seit langer Zeit ohne Dating-Apps. Der Wecker klingelt, ich nehme mein Handy und swipe vergebens nach links. Da wäre nämlich der Ort, wo ich meine Dating-Apps platziert hatte. (Über den «Schäm-Ordner» schrieb ich schon mal hier.)

Aufstehen, duschen, losgehen zum Tram. Auf dem Weg wieder vergeblich nach links swipen. Im Büro neben der brummenden Kaffeemaschine warten. Wieder nach links ins Leere swipen.

Krass, wie fix diese Dating-Apps einen Platz in meinem Alltag eingenommen haben! Einerseits fühle ich mich bei dieser Erkenntnis befreit, da ich sie jetzt nicht mehr habe. Andrerseits weiss ich nicht mehr, was ich mit meinen freien Minuten anfangen soll.

Ich beginne also als Ersatz auf Instagram herumzuscrollen. Ich glaube, mein Hirn braucht einfach diese Scrollbewegung, damit es meint, es täte im Jahr 2019 etwas Sinnvolles. Dieses Gefühl gebe ich ihm natürlich gerne.

Ist die reale Welt wirklich angenehmer?

Meinen schwulen Freunden erzähle ich ziemlich stolz, dass ich keine Dating-Apps mehr benutze. Irgendwie verstehen die das so wie ich als Befreiungsschlag. Aber innerlich meldet sich dann immer so ein ungutes Gefühl. Denn es ist ja nicht das erste Mal, dass ich diese Apps gelöscht habe. In ein paar Wochen werde ich sie wieder herunterladen, ich weiss es! Jeder weiss es!

Ist das der Zeitpunkt, in dem ich der realen Dating-Welt wieder eine Chance geben soll? In Bars Männer anstarren, die nie reagieren, an Partys bis zum Morgengrauen verharren. Dies so lange, bis ich die immer und immer wieder gleichen Gesichter Zürichs sehe. Ach, die reale Welt klingt so viel anstrengender als Scrollen...

Von Onur Ogul am 22. Februar 2019