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Voll schwul!

In Berlin feiern wir oben ohne

Für SI-online-Blogger Onur Ogul hat ein neues Abenteuer begonnen. Er ist nach Berlin gezogen und hat in seiner neuen Welt gleich mal Adieu zu seinem T-Shirt gesagt.

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Szene vom vergangenen Christopher Street Day in Berlin. Dieses Jahr findet er am 27. Juli statt. (Autor nicht im Bild)

Getty Images

Es war Zeit zu gehen. Bald zehn Jahre habe ich in der grössten Stadt der Schweiz gewohnt. Und bis zum Schluss kam mir Zürich wie ein grosses Dorf vor. Irgendwann bewegst du dich nur noch in denselben Kreisen, mit denselben Menschen, du tanzt zur selben Musik in denselben Clubs - und du begegnest immer denselben Männern.

Ich musste mal raus. Nicht, weil das Leben unangenehm war, im Gegenteil! Zürich ist ein Paradies für einen jungen Mann wie mich. Sicherheit, Jobs, Lebensqualität, tolle Menschen, schweizerische Pünktlichkeit und wohl die grösste Schwulendichte des Landes. Doch irgendwann sollte man das Vögelchen aus dem goldenen Käfig lassen, nicht wahr?

Also entschied ich, weiterzuziehen. Seit Mitte Juni lebe ich in Berlin. Pünktlich ist hier zwar nichts mehr. Aber dafür gibt es neue spannende Herausforderungen, gerade in der Männerwelt.

Für einen Single-Schwulen ist Deutschlands Hauptstadt eine Spielwiese. Hier gibts wirklich alles! Vom LGBTQ+-Aktivisten über den Hardcore-Partygänger bis hin zu jahrelang zusammenlebenden Pärchen, Drag-Queens, schwule Gangster, Punks, Skater, Bären, Gay-Fashion-Victims – und das aus aller Herren Länder.

Poritzen und Seiltänzer

Einen Teil davon ging ich mir an einer Weekend-Party anschauen, die nonstop drei Tage lang lief. Der Club ://about blank beim Ostkreuz besitzt einen riesigen Garten, in dem tagsüber DJs auflegen.

Das Partyvolk hier ist gleichermassen illuster wie zugedröhnt. Erstes Highlight: Der hagere Typ mit der milchigen Haut und den Pommes-farbenen Haaren. Er trägt zu kleine Hotpants. Vorne sitzen sie ganz normal um die Hüfte, hinten geht der Bund aber unterhalb der Arschbacken durch. Ist nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand im Club seine Poritze durchlüftet, oder? Seine golden glitzernden Sneakers gehen dabei leider fast unter.

In der Menge fächern sich die schwitzenden Männer bei 38 Grad frische Luft zu, während sie zum Techno-Sound hin und her stampfen. In diesem Club gibt es mehr in Socken versteckte Plastiktütchen als Kleidung. Beweisstück A: Der freizügige Matrose. Ein etwa 20-Jähriger, der nur Seile trägt. Mit «Seil» meine ich effektiv Seil. So eins, wie es zum Anbinden von Booten braucht, nur nicht so dick. Die sind so gekonnt über die Schultern und unter dem Schritt durch um den Oberkörper gewickelt, dass er hochoffiziell nicht als nackt gilt.

Beweisstück B: Der Päckli-Bub. Ist vom Typ und vom Alter her etwa gleich wie der Matrose. Er trägt aber nicht Seile, sondern Goldfolie. Solche, die man fürs Einpacken eines Blumenstrausses verwendet. Die Folie war ebenfalls über Schultern und unterm Schritt durch um den Oberkörper gewickelt, sodass ein güldener Genitalienhalter entstand. Da man aber durch die Folie sieht, ist der Tatbestand der Nacktheit beim Päckli-Buben erfüllt.

Wer sich fragt, wo die Beweisfotos bleiben: In so manchen Berliner Clubs klebt die Security die Handycams ab. Das Partyvolk will in Ruhe und Diskretion feiern.

Weg mit dem Shirt!

Die Nacht bricht ein, die Party verlagert sich in den Club. Im alten, abbruchreifen Gebäude herrschen gefühlte 1000 Grad. Die wenigen «Kleidungsstücke», die vorher noch an manchen Menschen hingen, wurden mittlerweile in der Garderobe abgegeben.

Da tanze ich nun zu hartem Techno und Dauer-Strobo inmitten von muskulösen, hageren, behaarten, voluminösen Oberkörpern und denke mir so: Du bist jetzt an einem neuen Ort, wo dich niemand kennt. Weg mit deinem Shirt!

Dieses befreiende Gefühl ist schwer zu beschreiben. Wenn du dich immer in einer Szene bewegt hast, die krass auf Oberflächlichkeiten fixiert war, dann ist oben ohne in einer Gruppe Männer zu tanzen einfach nur ein Befreiungsschlag. In Städten wie Sydney oder Barcelona hätte ich mich das nie getraut. Da glotzen viel zu viele Fitness-Queens. (Jedenfalls in meiner Vorstellung. Meinen Erfahrungsbericht über Sydney lest ihr übrigens hier.) In Berlin kein Problem.

Mir ist klar, dass langjährige Berliner auch die dunklen Seiten ihrer Szene kennen. Dass auch hier früher oder später der Trott einsetzt und ganz neue Probleme auftauchen, die sich mir in Zürich gar nie stellten. Solange das noch nicht passiert, tanze ich weiter. Mit oder auch ohne Shirt.

Von Onur Ogul am 26.07.2019
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