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Voll schwul!

Bin ich wirklich schon ein Daddy?

Sehen Männer SI-Online-Blogger Onur Ogul als den jungen Mann, für den er sich hält? Ein einziges Wörtchen lässt ihn zweifeln. Von Daddys, Boys und dem Älterwerden.

Thoughtful man looking out the window

Ab wann ist man ein Daddy?

iStockphoto

31 ist kein Alter. Ich stehe damit sogar noch vor der grossen Blüte des Lebens, meine ich. Kürzlich liessen mich aber zwei Ereignisse daran zweifeln, ob mich andere wirklich auch so sehen.

Nachtzug von Zürich nach Berlin. «Grüessech», wagt es ein nachpubertierender (aber sehr, sehr anständiger) Jugendlicher zu sagen, als er das Abteil betritt. Ich wusste, der Tag würde kommen, an dem mich junge Menschen siezen werden. Aber so bald schon?

Dieses ehrfürchtige «Grüessech» kam mir so absurd vor, weil wir beide in meinen Augen zur «Gruppe der jungen Menschen» gehören. Aber er schien mich in einer anderen Altersliga zu orten. Sieht der mich als alte Bappe?! Nachdem ich fertig damit war, die beleidigte Leberwurst zu spielen, schaffte ich es, die Stimmung aufzulockern und das Ganze mit Humor zu nehmen.

Weniger gelacht habe ich beim zweiten Vorfall: Ein schöner Nachmittag auf meinem Balkon. Der Bildschirm meines Smartphones leuchtet auf. Jemand scheint Interesse an mir zu haben, er hat mich in einer Dating-App angestupst. Ich schaue sofort nach, wer es ist. Sein Profilname war wie ein Schlag: «Looking for Dad».

Um das gleich klarzustellen: Der wohl gerade mal volljährige Junge sucht nicht etwa seinen Vater. Er sucht «vater-ähnliche» Männer. Nur wusste ich bis dato nicht, dass ich ein Daddy sein soll.

Lieber Otter oder Bär

«Daddy» ist nur einer von vielen Begriffen, welche die Gaywelt benutzt, um die verschiedenen Typen von Männern zu bezeichnen. Kleiner Exkurs: Es gibt «Twinks», also schlanke, schmale, unbehaarte Bubis. Luca Hänni wäre da ein prominentes Beispiel dafür. Legt er aber noch ein wenig mehr an Muskelmasse zu, würde er bereits als «Jock» gelten.

Wer es massig und haarig mag, macht sich auf die Jagd nach «Bären». Wer nur die Haare, aber nicht den Bauch will, sucht sich einen «Otter». Und nebst Bekanntem, wie Punks, Nerds, Bodybuildern etc. gibt es eben auch «Daddys».

Das Wort spricht für sich. Daddys können nur ältere Männer sein. Aber wie viel älter, das habe ich mich gar nie gefragt. Für mich waren Daddys bisher einfach «sichtlich älter als ich». Das ist irgendwie schwer zu beschreiben. Ob es graue Haare ausmachen, Falten im Gesicht oder sonst verräterische Körperteile, kann ich nicht genau sagen. Es geht aber ums Erscheinungsbild und ums Auftreten. In meinem Verständnis kümmert sich der sorgsame, dominante Daddy um seinen hübschen und unselbständigen Boy. Das Alter alleine jedenfalls macht einen Mann noch nicht zum Daddy. Immerhin weiss ich jetzt, dass offensichtlich auch 31-Jährige zu diesem Schlag gehören können.

Daniel Craig

Für unseren Blogger ist James-Bond-Darsteller Daniel Craig ein mustergültiger Daddy.

Getty Images for Metro Goldwyn M

Was jetzt? Wieder darüber lachen und die wirren Gedanken weglächeln? Oder soll ich besser versuchen, in die Daddy-Rolle zu schlüpfen, weil Männer mich eh so wahrnehmen? Oder soll ich mein Aussehen derart verjüngen, damit man mich nicht mehr als Daddy wahrnimmt?

Nach einem Moment der Besinnung lösche ich einfach die Chat-Nachricht von «Looking for Dad». Ich kann und möchte seinen Bedürfnissen nicht gerecht werden. Er würde wohl auch meinen nicht gerecht. Ich bleibe mir lieber treu und warte, bis mich jemand anstupst, der mich als das wahrnimmt, was ich selbst über mich denke: «I'm not a boy, not yet a daddy.»

Im letzten Blog ging es übrigens nicht um den Alters-, sondern um den Grössenunterschied. In einer Umfrage antworteten die Meisten, die Grösse eines Traummannes liege bei 1.80 m.

Von Onur Ogul am 04.10.2019