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Voll schwul!

Bitte keinen Mann, der mich füttert

Gibts eine traditionelle Rollenverteilung bei schwulen Paaren? SI-online-Blogger Onur Ogul erinnert sich an ein Treffen mit einem waschechten Macho.

Gay Paar essen

Blogger Onur Ogul will nicht vom Löffel eines anderen Mannes essen.

Getty Images

Ein starker Beschützer, ein Versorger! Ein Mann, der in Notfällen genau weiss, was zu tun ist, die Ikea-Möbel zusammenbaut und schnell, aber sicher Auto fährt. Einen solchen Mann habe ich vor einer Weile getroffen.

Und zwar war das in einer Phase, in der ich ausschliesslich Männer vom Balkan treffen wollte. In meinem jungen, verblendeten Köpfchen musste mein Partner einfach ein krasser Balkanmacho sein.

Das Universum hatte meine Wünsche für einmal erhört und schickte mir einen Kroaten. Hellblaue Augen, stattliche Grösse, in der Freizeit trug er nur Trainerhosen, im Berufsleben Anzug mit Krawatte. Alles schien perfekt.

Mit dem Hund zu Hause warten

Er, den wir hier Mladen nennen, lud mich auf einen Kaffee ein. Ich war massiv aufgeregt. Wir erzählten die 0815-Dinge aus unserem Leben, er fragte interessiert nach und schien sich mit mir zu amüsieren. Und ich war die ganze Zeit im «OMG-Modus».

Als wir auf unsere beruflichen Tätigkeiten zu sprechen kamen, fand Mladen meine Beschäftigung zwar «spannend»,... aber «das muss ja nicht sein».

Mladen war nämlich überzeugt davon, dass nur einer von beiden Partnern arbeiten müsse. Und das sei selbstverständlich er. Immerhin war der damals ca. 30-Jährige schon erfolgreicher Geschäftsmann. Sein künftiger Partner dürfe immerhin zwei Tage die Woche arbeiten. Aber eigentlich wolle er auch das nicht, denn der Haushalt macht sich nicht von alleine – und wer wartet denn zu Hause mit dem Hund auf ihn? (Alles kein Scherz!)

Kennen das nicht nur Heteros?

Dass ich mir nie und nimmer ein Leben als Hausmann vorstellen könne, sprengte seine Vorstellungskraft. Und auch unser Date.

Mal mit ganz viel Toleranz: So archaisch diese Rollenaufteilung heute auch daherkommt, Mladens Vorstellungen von einer perfekten Beziehung sind genauso in Ordnung wie jene eines Pärchens, das aus zwei Karrieremenschen besteht. Trotzdem konnte ich in jenem Moment meinen Ohren nicht trauen!

Womöglich lag das daran, dass ich das nie bei einem Date zwischen zwei Männern erwartet hätte. Für mich war dieses Versorger-Hausfrauen-Muster etwas, das ich von heterosexuellen Paaren kannte. Das bedeutete für mich nicht automatisch, dass homosexuelle Paare es ihnen gleichtun könnten. An jenem Abend mit Mladen wurde ich eines Besseren belehrt.

Heute sehe ich ein, dass Mladens Vorstellungen gar nicht so absurd sind. Immerhin wurden auch wir Schwulen in eine Welt geboren, in der traditionelle Beziehungsmuster allgegenwärtig sind. Womöglich wuchsen wir sogar mit Eltern auf, welche mit dieser Rollenverteilung sehr glücklich lebten. Wieso sollten wir es ihnen nicht gleichtun?

Ich hörte Mladen anständig zu, sagte, ich könne mir ein solches Leben nicht vorstellen und schrieb den hübschen Balkanmacho schweren Herzens ab. Trotzdem kam der Tiefpunkt des Dates erst noch: Mladen dachte, es sei romantisch, mich mit seinem Kuchen zu füttern. Er hielt seine Gabel mit dem Dessert direkt vor meine Nase. Ich rümpfte sie und erinnerte mich schlagartig an irgendetwas Superwichtiges, das ich noch erledigen musste – sofort – zu Hause.

Von Onur Ogul am 31. Mai 2019