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Voll schwul!

Bitte mehr Schwulenwitze à la Renato Kaiser

Er macht Gags auf Kosten von Minderheiten. Auch die LGBT-Community verschont Renato Kaiser in seiner Sendung «Tabu»  nicht. SI-online-Blogger Onur Ogul erklärt, warum er ohne schlechtes Gewissen über die Schwulenwitze des Comedians lachen kann.

Renato Kaiser Tabu SRF

Renato Kaiser: «Witze machen und sich gegenseitig ernst nehmen, das schliesst sich nicht aus.»

SRF/Nici Jost

Man stelle sich vor, ein Hetero steht hinter einen Schwulen und ruft: «Ich war noch nie so nah an einem schwulen Arsch!» So von der Ferne aus würden wir sagen: Geht nicht! Oder zumindest: Darf der das?

In «Tabu» will Renato Kaiser, 33, beweisen, dass er darf. Die SRF-Sendung zeigt den Comedian, wie er Gags auf Kosten von Minderheiten macht. Zum Beispiel über Menschen mit Behinderung, unheilbar Kranke, Menschen in Armut – und auch über die LGBT-Community. Das musste ich mir natürlich anschauen.

Kaiser trifft in der zweiten Folge der Serie auf eine Lesbe, einen trans Mann und einen Schwulen. Der ausführlichste Teil der 30 Minuten ist das Kennenlernen. Kaiser nimmt sich Zeit, setzt sich mit ihnen in einer heimeligen Berghütte hin, hört zu, fragt interessiert nach. Zwar sind es die so oft besprochenen Fragen zu Coming-out, Diskriminierung, Freuden und Sorgen. Aber es sind halt genau jene Fragen, für die sich Heteros interessieren. So langweilig er auch war, dieser erste Teil wird später eine Schlüsselrolle spielen.

Voll sexualisiert

Dann folgt mein Lieblingsteil. Auf einer Bühne macht Kaiser jedes Mal noch ein Stand-up, worin er seine Erlebnisse humoristisch verarbeitet. Hier liegt der Zündstoff, hier nimmt Kaiser kein Blatt vor den Mund, hier wirds witzig.

Ein Einblick: Kaiser erklärt, es sei schwierig, in der LGBT-Community immer alle Protagonisten einzubeziehen. «Wie viele Menschen aus der LGBT-Community braucht es, um eine Glühbirne zu wechseln?», fragt er ins Publikum, wo übrigens nur Schwule, Lesben und trans Menschen sitzen. Antwort: «Mega viele! Am Schluss feiern dann alle die brennende Glühbirne, und trotzdem gibts immer noch jemanden, der sich beschwert, nicht im richtigen Licht zu stehen. Ausser Schwule. Die sind einfach sauer, weil der Raum nicht mehr dunkel ist.»

Für SRF-Verhältnisse ein sehr gewagter Witz. Immerhin stellt der Comedian Schwule hier kollektiv in einen Darkroom und sexualisiert sie damit komplett.

Ein anderes Beispiel: Kaiser erzählt von einem malaysischen Politiker, der behauptete, «Aktivitäten» von Homosexuellen hätten ein Erdbeben ausgelöst. «Wie viele Homosexuelle brauchst du, um ein Erdbeben auszulösen?» – «Keine Ahnung, aber einen solchen Vibrator hätte ich gerne.»

Und den heikelsten bringt er zum Schluss. In den letzten paar Sekunden der Sendung befinden sich Kaiser und die drei Protagonisten auf einem Pedalo. Dabei steht er hinter den schwulen Mann und sagt: «Ich war noch nie so nah an einem schwulen Arsch.»

Je näher, desto besser

Ich schaue bei all dem amüsiert zu. Zu keinem Zeitpunkt musste ich mich fragen, ob der Comedian jetzt zu weit geht. Nicht mal beim Spruch am Schluss. Und das hat eben mit dem langwierigen Kennenlern-Teil zu tun.

Einen solchen voranzustellen, war clever von Kaiser. Nicht im Sinne von kalkuliert, sondern schlicht mit Empathie und Anstand. Indem er die Protagonisten ernsthaft und intensiv (vier Tage in einer Berghütte) kennenlernte, baute Kaiser eine Beziehung auf, die solche Witze erlaubt. Die Gleichung ist einfach: Je näher du an einer Minderheit dran bist, desto eher gehen Witze durch. Die Herausforderung der Sendung ist es, diese Nähe dem Zuschauer glaubhaft zu machen. Das ist den Machern gelungen. Was Kaiser ausserdem hilft: Er macht sich auch über homofeindliche Gruppierungen wie Erzkatholiken lustig.

Renato Kaiser Tabu SRF

Freundschaftlich: Comedian Renato Kaiser, der schwule Florian, trans Mann Henry und die lesbische Jeannine (v. l.).

SRF/Marion Nitsch

Wie viel schnitt das SRF weg?

Menschen, die vertraut sind mit der LGBT-Welt, verzeihe ich auch die krassesten Klischee-Witze. Ich weiss ja genau, dass sie trotz des Gesagten die ganze Realität kennen. Ganz grundsätzlich sollte man Witze mit Klischees aushalten können, da in ihnen oftmals ein Funke Wahrheit steckt.

Zu meinem Leidwesen war das Stand-up ein nur sehr kurzer Teil der Sendung. Vermutlich war es in Realität um einiges länger, bissiger und heikler als in der Sendung dargestellt. Die schärfsten Gags hat das gebührenfinanzierte SRF wohl herausgeschnitten. Dabei habe ich mich nicht einmal fremdgeschämt für Kaiser oder Groll auf ihn verspürt. Ich habe herzlich gelacht und aufmerksam zugehört.

Und wer weiss, vielleicht erzählt mir Renato Kaiser irgendwann die übrigen Witze bei einem Bier... nach einem Fussballspiel... im Puff. (Ich wollte schon immer mal ausgehen wie Heteros.)

Von Onur Ogul am 30. August 2019