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Voll schwul!

Conchitas HIV-Status muss uns wurst sein

Die ESC-Gewinnerin Conchita Wurst sah sich gezwungen, öffentlich zu machen, dass sie HIV-positiv ist. Aus Angst vor Erpressung! SI-online-Blogger Onur Ogul sagt, das sei nur möglich, weil noch zu viel Unwissen über die Virus-Infektion herrscht.

Onur Ogul Blog

Ein «Damoklesschwert» nennt Conchita Wurst, 29, ihre HIV-Infektion. Die Sängerin und Gewinnerin des Eurovision Song Contests 2014 meint damit aber nicht, dass sie wegen der Infektion jederzeit hätte sterben können. Die Drag-Künstlerin lebte offenbar dauernd mit der Angst, dass die Öffentlichkeit von ihrem HIV-Status hätte erfahren können.

Nun befreite sich die Österreicherin diese Woche selbst vom Damoklesschwert, indem sie ihren HIV-Status auf Instagram mitteilte. Nicht ganz freiwillig. Denn offenbar drohte ein Ex-Freund, ihr Geheimnis publik zu machen. War das eigene Vorpreschen deswegen wirklich nötig?

Die Öffentlichkeit hat kein Anrecht auf diese Information

Als Journalist des grössten People-Magazins der Schweiz weiss ich, wie die Medien mit heiklen Informationen von Prominenten umgehen. So etwas Intimes wie einen HIV-Status würde ein seriöses Blatt nie publizieren. Die Öffentlichkeit hat per se kein Anrecht darauf, zu wissen, welche Viren in einem Menschen herumschwirren.

Das heisst nicht, dass gar kein Medium die Geschichte bringen würde. Es gibt knallharte Boulevard-Blätter, welche die Klick- und Verkaufszahlen über den Schutz von Conchita gestellt hätten. Ich denke da etwa an britische Revolverblätter, welche in ihren Budgets fixe Beträge eingeplant haben, um allfällige Klagen unbeschadet zu überstehen. Und die auch schlicht ihrem Ruf gerecht werden müssen, einfach alles über jeden zu schreiben.

Wenig Wissen über HIV

Angst vor Erpressung hin oder her: Etwas Gutes hat es, dass Conchita nun mit dieser Nachricht an die Öffentlichkeit ging: Es braucht immer noch viel Aufklärung in Sachen HIV. Dem Virus haften noch immer Schauermärchen an, die hauptsächlich auf Unwissen basieren.

Häufig tauchen in Internet-Foren und in Diskussionen mit Freunden Fragen auf, wie: Kann man sich über Speichel anstecken? Muss man sterben, wenn man sich mit dem Virus ansteckt? Ist eine HIV-Infektion heilbar? Hat jeder Aids, der den Virus in sich trägt? (Die Antworten auf diese Fragen sind alle Nein. Viele weitere Fragen werden hier beantwortet)

Medikamente ermöglichen normales Leben

Was offenbar viele auch nicht wissen: Die Zeiten, in denen Aids zahlreiche Schwule und Drogenabhängige dahinraffte, sind vorbei. Mittlerweile gibt es Medikamente, welche die Viruslast im Blut derart stark verringern, dass eine Ansteckung gar nicht mehr möglich ist. Die Qualität der Medizin ist sogar schon so hoch, dass ein Grossteil HIV-Positiver ohne spürbare Nebenwirkungen weiterleben kann. Ihre Lebenserwartung bleibt auch mit der HIV-Infektion quasi gleich.

In Diskussion steht momentan, ob man die Medikamente nicht sogar präventiv einnehmen soll. Denn das verhindert im Vornherein eine Infektion mit dem Virus. Der Preis dafür ist jedoch eine dauernde, chemische Belastung des Körpers, die eigentlich gar nicht notwendig wäre.

Die Gesellschaft ermöglichte die Erpressung

Mit ihrem Vorpreschen hat Conchita, wenn auch ungewollt, eine scheinbare Schwäche in eine Stärke umgewandelt. Passend zu ihrem Gewinner-Lied vom ESC 2014 «Rise like a Phoenix». Sie musste sich kurz verbrennen, um stärker aus ihrer Asche aufzusteigen. Jetzt ist die Sängerin nicht mehr nur eine einfache Kämpferin der queeren Community, nun repräsentiert sie mit den HIV-Positiven auch noch eine verletzliche Gruppe innerhalb der schwulen Gemeinschaft.

Grundsätzlich muss uns der HIV-Status von Conchita wurst sein. Denn sie ist Sängerin, Künstlerin, ein ganz normaler Mensch, der sich wegen des Virus nicht ändert. Was uns nicht egal sein darf, ist, dass jemand sie damit erpressen konnte.

Von Onur Ogul am 20. April 2018