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Voll schwul!

Das homophobe Russland darf den ESC nicht gewinnen!

Beim Eurovision Song Contest gehts nicht nur um Musik, sagt SI-online-Blogger Onur Ogul. Für die LGBT-Gemeinschaft steckt ganz schön viel Symbolik hinter dem Event. Russland spielt da eine zwiespältige Rolle.

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Sergey Lazarev will den Eurovision Song Contest nach Russland holen. daniil velichko

So viel Ironie fällt selten auf ein Wochenende. In Tel Aviv findet just um den Internationalen Tag gegen Homophobie (17. Mai) der Eurovision Song Contest statt. Der Gesangswettbewerb, der von vielen Schwulen gefeiert wird wie eine Fussball-Weltmeisterschaft. Gleichzeitig ist das homophobe Russland laut Wettbüros ein Favorit!

Der ESC hat sich schon seit Längerem zu einer Bühne für die Verbreitung der Botschaft #loveislove entwickelt. Ganz offen geben die meisten Künstler und vor allem die Fan-Gemeinschaften zu verstehen, dass der ESC ein jährliches und europaweites Fest der Gleichberechtigung für Menschen der LGBT-Community ist. (Wies dazu kam, lest ihr in meinem Blog vor einem Jahr hier.)

Ab in die politische Pinkelpause

Nun sitze ich also gestern auf dem Sofa und verfolge das zweite Halbfinale, in dem auch die Schweiz mit Luca Hänni antritt.

Ohne eine Sekunde zu zögern, stehe ich auf, als der russische Auftritt angekündigt wird. Ich nutze die paar Minuten als politische Pinkelpause. Irgendwie macht es mich sauer, die Teilnehmer aus Russland auf der ESC-Bühne zu sehen.

Seit einigen Jahren sind im Putin-Staat Gesetze in Kraft, die Schwulen und Lesben das Leben zur Hölle machen. Grundsätzlich ist jegliches öffentliches Zeigen oder positive Darstellungen von Homosexualität verboten. Zum «Schutz der Kinder»!

So fallen natürlich auch jegliche Aufklärungs- und Hilfsprojekte für LGBT-Menschen sowie  Demonstrationen usw. weg. Ein Riesenschaden für die homo- und transsexuelle Jugend im Land! Natürlich wird der homophobe Teil der russischen Bevölkerung durch die Politik noch darin bestärkt, ihre Abneigung gegen Schwule und Lesben offen auszuleben.

RUSSIA GAY DEMONSTRATION
Das droht LGBT-Aktivisten, wenn sie in Russland für ihre Rechte einstehen wollen. (Foto: Mai 2014) Keystone

Für Lazarev keine einfache Aufgabe

Eine Sekunde lang tut mir der russische Künstler Sergey Lazarev ja leid. Er will einfach nur einen guten Beitrag abliefern, Musik machen und den Menschen eine Freude bereiten.

Dabei soll Lazarev ja selbst zerrissen sein. Einerseits tritt er in russischen Schwulenclubs auf, man sagt ihm sogar selbst nach, insgeheim schwul zu sein.

In offiziellen Pressekonferenzen spielt er aber die unmenschliche Gesetzgebung Russlands runter. Der Sänger behauptet unter anderem, das harsche Vorgehen des Staats gegen Homosexuelle sei nur «Gerede» und «Gerüchte». Klar, wer fürs Land antreten will, muss sich den Geldgebern und Politikern gegenüber loyal erweisen.

Gleichzeitig hat der Sänger aber auch ganz egoistische Gründe, die Homofeindlichkeit wegzureden. Immerhin möchte er ja gewinnen. Dann fände der ESC nächstes Jahr in Russland statt.

Da kann Lazarev kaum öffentlich sagen, dass es für Schwule gefährlich wäre, nach Russland zu reisen. Das macht ihn nicht nur zu einem Vertreter seines Landes, sondern eben auch des politischen Establishments. Inakzetabel!

Alain Berset als Vorbild

Mein Mitgefühl für Lazarev hält sich also in Grenzen. Hauptsächlich tun mir die von den Anti-Gay-Gesetzen betroffenen Menschen in Russland leid. Ein ESC im Land wäre kein Gefallen für sie – im Gegenteil! Es wäre blanker Hohn! Wie sähe das denn aus, wenn die Politik für einen riesen PR-Event im Land beide Augen zudrückt und alle Fangemeinschaften gewähren lässt, und kaum ist der Spuk vorbei, geht die Polizei wieder mit Knüppeln gegen LGBT-Aktivisten vor?

Wir müssen bei uns in der Schweiz einfach einmal mehr einsehen, welch Glück wir haben, hier leben zu dürfen. Der letztjährige Bundespräsident und Innenminister Alain Berset hat folgenden Post heute zum Internationalen Tag gegen Homophobie hochgeladen. Dass Wladimir Putin einen solchen Post absetzen würde, davon wagen es die Russinnen und Russen nicht einmal zu träumen.

Alain Berset zum internationalen Tag gegen Homophobie
Bundesrat Alain Berset setzt sich als Regierungsmitglied für LGBT-Rechte ein. Instagram/Alain Berset

Alles zu unserem ESC-Vertreter Luca Hänni könnt ihr übrigens hier im Dossier nachlesen.

Von Onur Ogul am 17. Mai 2019