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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Das Märchen vom homofreundlichen Istanbul

SI-online-Blogger Onur Ogul ist regelmässig in seiner zweiten Heimat, der Türkei. Er sagt, die angebliche Offenheit der Istanbuler gegenüber Schwulen entstammt einem Irrtum.

Wer Istanbul besucht, kommt nicht mehr aus dem Schwärmen. Die Stadt ist gross, farbig, klangvoll, kulturell – und einige meinen auch: homofreundlich.

Das ist absoluter Quatsch! Aber es gibt natürlich Gründe, wieso Nicht-Türken auf diese Idee kommen. So gibt es in der Millionenmetropole Schwulenbars und Schwulenclubs - und homosexuelle Handlungen sind nicht strafbar.

Stellt man diese drei Fakten den strengen Regimen anderer Städte im Nahen Osten gegenüber, will man Istanbul schnell «Paradies» preisen. Aber sagt das wirklich etwas über die Homofreundlichkeit einer Stadtbevölkerung aus?

Konservativ-islamisch geprägte Kultur ist per se nicht homofreundlich

In Istanbul leben 15 Millionen Menschen. Viele Familien stammen aus dem armen Osten des Landes. Sie zogen in die Stadt, wo es Arbeit gab. Im Gepäck hatten sie ihre konservativ-islamisch geprägte Kultur. Und in der haben Homosexuelle keinen Platz.

Aber auch der moderate oder religionsferne Istanbuler ist nicht frei von Homophobie. Das Unverständnis darüber, was Homosexualität eigentlich ist, gründet nicht unbedingt in der Religion, sondern in der Kultur des gesamten Nahen Ostens. Tabuthemen werden nicht öffentlich diskutiert, nicht in der Schule besprochen und von der Politik erst recht nicht angepackt.

Obwohl homosexuelle Handlungen per Gesetz nicht verboten sind, toleriert sie ein Grossteil der Gesellschaft nicht. Outet sich jemand in der Familie, droht er verstossen zu werden. Erfährt der Chef, dass man schwul ist, steht der Job auf dem Spiel. Und die Polizei schaut weg, wenn man verprügelt oder bedroht wird, weil man transsexuell, Transvestit oder sonst wie nicht «normaler» Homosexueller ist.

Und das alles passiert tagtäglich in der «modernen» Metropole Istanbul. In den letzten Jahren verschärfte sich der Ton gegenüber der LGBT-Gemeinschaft zusätzlich. Die Behörden haben die jährliche Gay Pride mehrere Male verboten. «Zu gefährlich» war jeweils die Ausrede. Konservative Politiker um die Regierungspartei AKP machen den konservativen Islam wieder salonfähig.

Kürzlich erst geschehen: Ein Freund will mit seinem Partner in einem Istanbuler Hotel einchecken. Doch der Rezeptionist sagt, zwei Männer dürften nicht in einem Zimmer mit Doppelbett schlafen. «Das ist bei uns verboten.» Nichts Schlimmes passiert, könnte man sagen. Doch der Vorfall zeigt die selbstverständliche Überlegenheit der Heterosexuellen gegenüber sexuellen Minderheiten.

Jeder Ort wird zum Paradies, wenn man aus der Hölle kommt

Zudem wirkt sich die aktuell prekäre Situation mit den vielen Flüchtlingen negativ auf das Image der Schwulen aus. Aus Syrien und Irak flohen viele junge Männer vor dem Krieg in die Türkei. Homosexuelle ziehen gern nach Istanbul. Denn die Stadt geniesst bis über die Grenzen hinaus den Ruf, homofreundlich zu sein. Was natürlich nur im Vergleich zu den Ländern stimmt, aus denen die Flüchtlinge stammen. Jeder Ort wird zum Paradies, wenn man aus der Hölle kommt. 

Die Syrer und Iraker sprechen die türkische Sprache oftmals nicht, das macht sie suspekt. Und weil die Türken momentan in einer Wirtschaftskrise stecken, stehen sie den Geflüchteten kritisch gegenüber. Flüchtlinge, die zu einem Billiglohn arbeiten, sind nicht willkommen. Das drängt die Asylsuchenden an den Rand der Gesellschaft.

Die Folge: Nicht wenige schwule Flüchtlinge sehen sich gezwungen, sich zu prostituieren, um ein Dach über dem Kopf und Nahrung zu sichern. Das bestätigt die Türken wiederum in ihren negativen Vorurteilen gegenüber Schwulen: Dass sie nur Unmoralisches tun.

Meinetwegen ist das Essen fein, die Leute gastfreundlich und das Orientalische mystisch schön. Doch homofreundlich ist Istanbul wegen der paar Bars und Clubs noch längst nicht.