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Voll schwul!

Die drakonischen Strafen für Homosexuelle

Hirnoperationen, chemische Kastration, Todesstrafe. Lange Zeit wurden Schwule wegen ihrer Sexualität verfolgt und drastisch bestraft. An manchen Orten ist das heute noch so.

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Ein Mann auf Banda Aceh in Indonesien wird für homosexuelle Handlungen mit Stockhieben bestraft. (2017)

Barcroft Media via Getty Images

Habt ihr gewusst, dass Zürich eine Weile DIE Schwulen-Metropole Europas war? 1942, mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs, legalisierte die Eidgenossenschaft homosexuelle Handlungen unter Erwachsenen. Vorher drohten Schwulen Todes- und Zuchthausstrafen. Für die damalige Zeit war die Legalisierung eine Pionierleistung in Europa!

Die Engländer beispielsweise legalisierten homosexuelle Handlungen erst 1967. Das rief eine News-Meldung von dieser Woche wieder in Erinnerung. Die britische Notenbank teilte darin mit, dass sie Alan Turing auf die neue 50er-Note drucken wird. Der Mathematiker gilt als Vater der Computerwissenschaft und der künstlichen Intelligenz. Mit der Turing-Bombe, so der Name seiner elektromechanischen Maschine, entzifferten die Briten während des Zweiten Weltkriegs verschlüsselte Botschaften der Nazis. Experten vermuten, Turing habe so den Krieg um zwei Jahre verkürzt und Millionen von Menschen gerettet.

Vom Kriegshelden zum Kastrierten

Dass sein Antlitz eine Banknote zieren wird, ist eine sehr späte Genugtuung. Denn 1952, also erst drei Jahre nach offiziellem Kriegsende, machten die Briten Turing wegen seiner Homosexualität den Prozess. Der Vorwurf: Grobe Unzucht und sexuelle Perversion. Da der Wissenschaftler nicht ins Gefängnis wollte, entschied er sich für eine «Therapie».

Das war zu jener Zeit eine Behandlung mit triebhemmenden Hormonen, unter anderem Östrogen. Diese chemische Kastration setzte Turing so fest zu, dass er depressiv wurde und sich zwei Jahre später 41-jährig das Leben nahm. 2009 entschuldigte sich Premier Gordon Brown öffentlich dafür. 2013 begnadigte die Queen den Mathematiker. Ein Affront! Turing und zahlreiche andere Homosexuelle dieser Zeit brauchen keine Begnadigung, sie verdienen eine Entschuldigung, Überlebende sogar eine Entschädigung.

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So soll die neue 50-Pfund-Note aussehen. Eine grosse Ehre für Alan Turing, wenn auch sehr spät.

Getty Images

Was Turing angetan wurde, ist nur eine Form von grausamen Strafen für Homosexuelle. Blickt man ins späte Mittelalter zurück, drohte ihnen die ganze Palette an Todesstrafen: Verbrennung, Ertränken und Enthauptung sind nur ein paar der Praktiken.

In Nazi-Deutschland wurden Schwule durch Amputieren der Hoden kastriert. An verschiedenen Orten der Welt führten Ärzte Experimente durch, um Homosexualität auszumerzen. Elektroschocktherapie, Lobotomie (Durchtrennen von Nervenbahnen im Gehirn) oder Konversionstherapien sind nur einige Beispiele.

Heute noch bittere Realität

Doch drakonische Strafen sind leider nichts, was man nur in Geschichtsbüchern findet.

  • Todesstrafe
    Noch heute droht Homosexuellen in elf Staaten der Tod. Das zeigt ein Bericht der ILGA, des weltweiten Dachverbands der LGBTQ+-Organisationen. Im Iran werden etwa immer wieder Schwule gehängt, wie Menschenrechtsorganisationen berichten. In Saudi-Arabien, wo es kein kodifiziertes Strafgesetz gibt, sollen auch schon Köpfungen vollzogen worden sein. Und der Sultan von Brunei hat erst kürzlich entschieden, die Steinigung von Homosexuellen in seinem Land einzuführen.

  • Peitschenhiebe
    Sind verurteilte Iraner minderjährig, werden sie laut Scharia mit 74 Peitschenhieben malträtiert. Auch andere muslimische Regimes kennen diese Form der Bestrafung. Peitschen verursachen höllische Schmerzen. Je nachdem, ob der Verurteilte ein Shirt tragen darf oder nicht, bringen die Hiebe die Haut zum Platzen. Es bleiben schmerzhafte Wunden, es drohen Infektionen. Ältere, geschwächte Menschen können während der Auspeitschung sogar einen Herzinfarkt erleiden.

  • Stockhiebe
    In Banda Aceh, der einzigen Region Indonesiens, wo die Scharia gilt, wurden vor zwei Jahren junge Schwule mit 85 Stockschlägen bestraft. Mit einem elastischen Rohrstock können Geschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern erreicht werden. Die Haut platzt nach etwa drei Schlägen auf, es entstehen tiefe Narben. Noch anhaltender sind aber die psychischen Schäden. Körperstrafen werden zur Abschreckung öffentlich vollzogen. Eine Schar jubelnder Menschen umringt die Straftäter. Die massive Demütigung kann zu Traumata, Depressionen bis hin zu Suizid des Geschlagenen führen.

  • Übersichtskarte der Gesetze über Homosexualität

    Laut der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) gibt es noch in elf Staaten Todesstrafen für homosexuelle Handlungen. In 57 Ländern droht eine Gefängnisstrafe. Zur Übersichtskarte gehts hier.

    Von Onur Ogul am 19.07.2019
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