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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Deshalb floh ich vom Land in die Stadt

Die Schwulen der Schweiz ziehen früher oder später in die Stadt - aus guten Gründen. Die Deutschschweizer meist nach Zürich. Doch diese Landflucht fördert homophobes Gedankengut, behauptet SI-online-Blogger Onur Ogul.

Mit 21 Jahren war es höchste Zeit, aus dem wohl behüteten Zuhause auszuziehen. Zürich bot sich aus verschiedenen Gründen als neue Heimat an: Es ist die nächste grössere Stadt zum Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Eine Uni steht dort, und ich konnte viel einfacher einen lukrativen Nebenjob finden, um mir mein Studium zu finanzieren.

So viel zu den offiziellen Begründungen. Selbstverständlich schwingen bei einem jungen Schwulen noch andere Gedanken mit: In Zürich kann ich freier leben. Ich kann mich in Bars und Clubs zeigen, ohne dass Frau K. das sieht, es Frau S. erzählt und diese dann meine Mutter im Supermarkt darauf anspricht. Und die Stadt erleichtert es mir, einen Freund zu finden. Das dachte ich damals jedenfalls.

Heute weiss ich: Homophobie gibts auch in der Stadt. Getratscht wird erst recht, und die Sache mit der Liebe ist gerade in Zürich eine Herausforderung. Die Typen haben eine derart riesige Auswahl, dass sie sich für niemanden entscheiden können.

Ich wollte so leben wie meine Dating-Partner

Es ging mir doch eigentlich gut in meinem Heimatdorf. Ich hatte Freunde, war vernetzt und dank Internet-Dating und Auto hätte ich innert kürzester Zeit irgendjemanden ausserhalb des Ortes treffen können. Dennoch bin ich in die Stadt geflüchtet. Dorthin, wo die Schwulenbars und -clubs sind. Dorthin, wo all meine Dates jeweils wohnten. Sie gaben mir den Eindruck: Wer in Zürich lebt, hat viel grössere Chancen, jemanden kennenzulernen. Das wollte ich auch.

Und so verfiel längst nicht nur ich dieser Kettenreaktion. Ohne handfeste Zahlen zu haben behaupte ich, dass in der Schweiz die Schwulendichte in Zürich am höchsten ist. Auf dem Land wohnen höchstens Paare, die sich einst in der Stadt kennenlernten und ihre Liebe nun fernab der Schwulenszene geniessen wollen.

Es ist wie mit den Ausländern

Was ist die Konsequenz? Immer wieder reden wir davon, wie konservativ die Landbevölkerung angeblich ist. Das ist zwar eine arge Pauschalisierung -  aber angenommen sie stimmt: Was wäre uns geholfen, wenn wir alle in die Städte flüchten? Man sieht, dass diejenigen Gebiete mit dem geringsten Ausländeranteil bei Abstimmungen jeweils am ausländerfeindlichsten entscheiden. Offenbar behalten Menschen mit wenig Kontakt zu Ausländern vor allem die negativen Bilder dieser Menschen im Kopf. Derselbe Mechanismus dürfte für LGBT-Personen gelten.

Ich fühle mich wohl in der Stadt, sie ist heute mein Zuhause. Aber ich bin gespannt, ob die nächste Generation von Schwulen und Lesben vermehrt auf dem Land bleiben und dort etwas zur grösseren Toleranz gegenüber Homosexuellen beitragen wird.