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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Die Qual der Männerwahl

Während andere am Valentinstag Liebesschwüre erneuern und alles auf Social Media zur Schau stellen, geniesst Blogger Onur Ogul sein Single-Leben. Doch selbst, wenn er eine Beziehung wollte, wäre er damit überfordert, eine der zahlreichen Formen auszuwählen.

Mein Mami glaubt mir nicht, dass ich glücklich bin. Immerhin bin ich mit bald 30 Jahren immer noch Single. Auf «Und? Hast du jemanden?» antworte ich immer mit: «Nein, Mami, aber ich bin auch so glücklich. Wirklich!»

Selbst, wenn ich mein Mami mit einer Beziehung beruhigen könnte. Ich wüsste ehrlich gesagt nicht, welche ich führen sollte. Will ich...

...eine Hollywood-Beziehung?

Den Mann meiner Träume treffe ich in der Migros – nicht auf den einschlägigen Dating-Portalen, wo es niemand mehr ernst meint.

Keck schiebe ich mein Wägeli beim Bio-Gemüseregal in sein Bein. Weil ich seine teuren Markenhosen beschädigt habe, gebe ich ihm meine Nummer, «falls meine Versicherung zahlen muss.»

Ich gehe ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er lädt mich auf ein Nachtessen ein, auf den nächsten Valentinstag macht er mir einen Antrag, wir kaufen eine Neubau-Maisonette-Wohnung in der Agglo und adoptieren ein Hündchen.

Und dort soll ich dann mein Leben lang wohnen? Weg von meinen Freunden, weil «wir reichen einander ja»? Schätzungsweise noch 50 Jahre meines Lebens nur mit diesem einen Mann?

Wäre das wirklich ein Hollywood-Film, dann würde ja schon in meinem zarten Alter «The End» stehen. Viel zu früh.

...eine freie-Liebe-Hippie-Beziehung?

Wenn ich auch noch andere Männer in meinem Leben haben will, dann könnte ich ja meinen Traummann zu einer offenen Beziehung überreden. «Kein Problem», sagt der. Hey! Das ging zu einfach.

Und jetzt soll ich mit dem Gedanken leben, dass ihn andere vielleicht besser befriedigen? Damit er mich verlässt, wenn er sich in einen anderen verliebt? Ich soll die Spuren seiner Eskapaden an ihm sehen, riechen, schmecken?

Ich bin immer noch halber Türke. Mein Eifersuchts-Gen lässt so was leider nicht zu.

...die Besos-y-Lágrimas-Beziehung?

Vielleicht wäre ein Macho was für mich. Ein Freund, der mich ausführt, mit dem teuren Wagen vorfährt, meinen Namen in arabischen Schriftzeichen in seinen Unterarm tätowiert und mich anschreit, damit wir uns danach leidenschaftlich versöhnen können.

Und wenn ich mal ohne ihn aus dem Haus will, stirbt er vor Eifersucht? Bis er mir verbietet, alleine auszugehen? Die Beziehung hält nur, solange sich Küsse und Tränen, Besos y Lágrimas, abwechseln?

Dafür fehlen mir ganz ehrlich die Nerven. Und ich bin zu pragmatisch.

...die Sugar-Daddy-Profitschleuder?

Okay, gehen wir es rational an. Ich könnte monetären Profit aus einer Beziehung ziehen: Ich gehe in eine Schwulenbar und lächle nur Herren lieb an, die ich ab und zu auch in der Oper und in fancy Zigarrenbars finde. Halt dort, wo reiche Männer so sind.

Hat einer angebissen, der geschäftlich hauptsächlich im Ausland unterwegs ist, ziehe ich in seine Villa ein und gebe mein Taschengeld aus. Zeit muss ich ja nur mit ihm verbringen, wenn er ausnahmsweise da ist.

Und wenn ich in den Spiegel sehe, soll ich einem gekauften Menschen in die Augen schauen? Und wenn ich älter werde, sucht er sich einen jüngeren, hübscheren, der genauso käuflich ist?

Onur heisst auf Deutsch «Ehre/Stolz». Also: Nie im Leben.

...die Hauptsache-jemanden-haben-Notlösung?

Bleibt also noch eine Motivation, welche viele Menschen in Beziehungen treibt: Einsamkeit. Auch wenns nicht mein Traumtyp ist, zumindest schaut jemand mit mir Serien. Auch wenn wir keine Gemeinsamkeiten haben, wenigstens schläft jemand neben mir ein. Auch wenn wir uns dauernd streiten, immerhin habe ich jemanden, der mich an Plus-1-Veranstaltungen begleitet.

Nun, da bin ich mir mit meinem Mami einig: Eine Notlösung würde weder mich noch sie glücklich machen. Wenn ich eine andere Beziehungsform für mich gefunden habe, werde ich es sie wissen lassen. Bis dahin bin ich ein wenig kompliziert. Und glücklich.