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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ich lasse mir die WM nicht vom homophoben Russland nehmen

Die Vergabe der Fussball-Weltmeisterschaft an Russland war für SI-online-Redaktor Onur Ogul ein Ärgernis. Er erklärt, weshalb er die Veranstaltung verfolgt, obwohl das Land Homosexuellen das Leben schwer macht.

Ich bin nun wirklich kein grosser Fussball-Fan. Aber während Welt- und Europameisterschaften stehe auch ich vor grossen Bildschirmen in den Bars, schreie laut die Spieler und den Schiedsrichter an, esse meine vegane Bratwurst und schlürfe dazu einen kühlen Weisswein.

Aber ein überaus grosser Patriot bin ich nicht. Die Schweiz ist mein Zuhause, aber für das Gebilde «Nation» konnte ich mich noch nie sonderlich erwärmen.

Und dennoch weckt die WM in mir das Fussballfieber. Ich liebe es, mit unterschiedlichsten Leuten vor der Glotze zu stehen und unsere Nati anzufeuern. Besonders, wenn die so aussieht:

Und ich liebe es selbstverständlich, die testosterongeladenen Männer bei ihren Emotionsausbrüchen zu beobachten. Ein seltenes Schauspiel. Das alles macht die Veranstaltung so wertvoll.

Ein Boykott ist nicht fair

Doch dieses Jahr muss unsere Nati ausgerechnet in Russland um den Sieg kämpfen. In jenem Land, wo die Behörden jede positive Äusserung bezüglich Homosexualität sofort als Propaganda auslegen – und bestrafen! In jenem Staat, der öffentliche Aufrufe zur Verfolgung von Homosexuellen duldet. In Russland, wo die regierende Elite über Menschenrechte lacht.

Zurecht frustriert das viele schwule Fussballfans (ja, die gibts!). Auch mich. Einige verlangen Boykott. Aber ist das hier angebracht?

Dass die WM für die Veranstalter ein riesen Geschäft ist, weiss man. Natürlich täte es ihnen weh, wenn durch weniger Zuschauer weniger Geld zurückfliessen würde. Doch was ist mit dem sportlichen Aspekt? Fussballer sollten nicht auf die Unterstützung ihrer Fans verzichten müssen, wenn sie selbst doch nichts für die Festlegung des Veranstaltungsorts können.

Und dass die Spieler die WM boykottieren, würde wohl niemand erwarten. Immerhin erhalten sie die Chance einer Teilnahme nicht alle Tage.

Eine WM jedes Mal in der Schweiz?

Ich finde es sogar überheblich, die Veranstaltung aufgrund einer politischen Entscheidung boykottieren zu wollen. Fände die WM in Amerika statt, würde niemandem einfallen, sie wegen der praktizierten Todesstrafe zu meiden. Und auch der Walfang in Norwegen würde das nordeuropäische Land als Veranstaltungsort nicht in ein schlechtes Licht rücken.

Es wird immer Bevölkerungsgruppen geben, die politische Umstände des Veranstaltungslandes kritisieren kann. Doch würden wir uns immer auf den Standpunkt stellen, dass nur hier die Insel der Glückseligen sei, dann müsste die Meisterschaft ja jedes Mal in der Schweiz stattfinden. Und das wäre wiederum unfair für all die Fussballfans im Rest der Welt.

Ich jedenfalls mache mich bereit, wunderschönen Fussballern beim Schwitzen und aufgeregten Fans beim Weinen zuzusehen. Und hoffe, dass der eine oder andere Aktivist die Grossveranstaltung eben nicht boykottiert, sondern vielleicht sogar nutzt, um ein Zeichen gegen die homophoben Gesetze in Russland zu setzen.