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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ein schwuler Bundesrat ersetzt keine Frau

Ein homosexueller Bundesrat wäre eine Sensation. Trotzdem sollte eine Frau den frei werdenden Sitz von Johann Schneider-Ammann erben, schreibt SI-online-Blogger Onur Ogul.

Zwei von sieben Bundesräten sind weiblich. Eine davon tritt nun zurück. Die Frauen verdienen eine anständige Vertretung in der Landesregierung. Deshalb suchen die Parteien nach einer geeigneten Nachfolgerin. Schliesslich will sich auch die weibliche Bevölkerung vertreten fühlen.

Habe auch ich als schwuler Mann das Anrecht auf dieses Gefühl?

Kürzlich stellte ich mir diese Frage, weil sich FDP-Frauenpräsidentin Doris Fiala mit einer überraschenden Aussage zu Wort meldete. In der «Aargauer Zeitung» sprach sie davon, dass in ihrer Partei auch ein Mann neben Kronfavoritin Karin Keller-Sutter für die Nachfolge von Johann Schneider-Ammann nominiert werden könnte. Dabei nannte sie Hans-Peter Portmann, einen geouteten FDP-Nationalrat. «Das würde die Haltung der FDP als fortschrittliche und moderne Partei jedenfalls dokumentieren.» Der Schritt würde besonderen Respekt verdienen, so Fiala.

 

Auch Schwule verstehen Frauen nicht immer

Irgendwie hat sie ja recht. Den ersten schwulen Bundesrat zu stellen, das wäre schon historisch. Ein starkes Zeichen dafür, dass Homosexuelle auch in der Politik die Karriereleiter bis nach oben klettern können.

Doch wäre das fair? Fünf Heterosexuelle, ein homosexueller Mann, eine Frau, braucht das die Schweiz? Brauche ich das?

Dass ein Schwuler eine Frau ersetzen könnte, wäre doch vermessen. Ich jedenfalls kann mich nicht in die Haut einer Frau versetzen. Auch wenn viele Heterosexuelle immer wieder meinen, wir hätten ähnliche Wesenszüge: Nein, liebe Heteros, auch wir verstehen die Frauen nicht immer!

LGBT-Quote unangebracht

Zudem sind Schwule immer noch Männer. Und wenn wir davon ausgehen, dass es Männer sind, die in der Vergangenheit den Einzug von Frauen auf Machtpositionen verhindert haben, dann müssen wir Politikerinnen fördern. Und nicht etwa über Schwule einen «Umweg» suchen, um Männer an den Machthebeln zu behalten.

Auf eine LGBT-Quote in der Landesregierung zu bestehen, wäre nicht angebracht. Das Kriterium, wer mit wem ins Bett geht, sollte nicht auch noch in die eh schon lange Liste aufgenommen werden (Sprache, Landesregion, Geschlecht, Partei).

Klar, ich hätte Freude an einem schwulen Bundesrat. Doch um zu zeigen, dass es Homosexuelle in Bundesbern weit bringen, haben wir ja schon einen schwulen Bundesanwalt, mehrere geoutete Ständeräte und Nationalräte.

Danke, Frau Fiala, dass Sie an die LGBT-Community gedacht haben. Doch seien Sie so mutig und sorgen Sie dafür, dass die FDP nur Frauen nominiert, auch wenn sie nur eine einzige im Angebot hat! Wir Schwule ersetzen dann einen heterosexuellen Mann, wenn sich ein geeigneter für den Posten anbietet.