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Voll schwul!

Eine Big Fat Turkish Gay Wedding, bitte!

Türken feiern gerne grosse, rauschende Hochzeitsfeste. SI-Online-Blogger Onur Ogul träumt hin und wieder von einem eigenen. Doch manchmal zweifelt er daran, ob überhaupt alle gewillt wären, eine Vermählung von zwei Männern gleich zu feiern wie eine von Heteros.

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Ausgelassene Hochzeit eines südländischen Paars. Wäre dasselbe auch mit zwei Männern möglich?

Getty Images

Bei uns läuten nicht die Hochzeitsglocken, es trommelt die Davul und es dudelt die Zurna. Wir spielen nicht Reise nach Jerusalem, sondern halten uns an den Händen und tanzen Halay im Kreis. Wir schenken keine Entsafter, dafür hängen wir dem Brautpaar Gold und Geld an die Kleider. Ich liebe türkische Hochzeiten!

In ein paar Wochen ist es so weit, da wird mein Bruder zur Davul-Zurna-Musik seine Braut aus ihrem Zimmer herauslocken, auf dem Parkplatz draussen das Tanzbein schwingen und dann mit ihr zum übergrossen Festsaal düsen, um sich mit Geldgeschenken behängen zu lassen (beispielhaft unten aus der türkischen TV-Serie «Afili Aşk»).

Türkische Hochzeiten sind immer Mega-Events, selbst wenn sie in der Schweiz stattfinden. Für die Vermählung meines Bruders lädt meine Familie immerhin rund 300 Gäste ein. Tanten, Onkel, Cousins des (etwa) sechsten Grades etc. Dabei mussten sie sogar noch schweren Herzens auf einige Bekannte verzichten.

In meiner Vorfreude aufs Fest schwingt definitiv auch Neid mit. Nicht etwa wegen der Ehe, die ist mir momentan ziemlich egal. Nein, ich bin wirklich nur neidisch aufs grosse Fest, bei dem man für einmal voll im Mittelpunkt steht. Dass alle Verwandten und Freunde kommen, um mit einem laut und lange die Liebe zu feiern, finde ich eine wahnsinnig schöne Tradition.

Darf ich gewisse Leute nicht einladen?

Ich habe mich immer gefragt, ob ich das jemals auch erleben werde. Unter meiner Verwandtschaft in der Schweiz gab es bisher nämlich noch nie eine türkische Gay-Hochzeit. Würde mein Fest genau gleich aussehen wie das meines Bruders?

Zufällig hat mich meine Mutter kürzlich auf genau dieses Thema angesprochen. Sie gehe davon aus, dass ich nie eine türkische Hochzeit feiern werde. Und das fände sie unfair. Erst begann mein Herz ein wenig zu brechen, als sie so sprach. Meine Mama glaubt nicht mehr daran, dass ich den Mann fürs Leben finden werde?

Doch so hatte sie es gar nicht gemeint. Sie sprach vom Fest und dem grosszügigen Mitgift, die mir entgehen. Und sie nahm an, dass ein schwules Paar wohl kaum eine traditionelle Hochzeit feiern würde.

Es ist klar, sie zweifelt daran, ob es bei einigen Verwandten überhaupt angebracht wäre, sie zu einer Gay-Hochzeit einzuladen. So als wäre es fast eine Anmassung. Das kann ich ihr nicht einmal übel nehmen. Selbst ich stellte mir früher diese Frage.

Ich will ihre Ausrede hören

Doch sehen wir es mal von der anderen Seite: Was wäre das für ein Signal, wenn ich als Einziger der Familie keine türkische Hochzeit feiern würde? Ich würde so doch eingestehen, dass etwas «nicht stimmt», dass ich etwas zu verstecken hätte! Im Gegenteil, es interessiert mich sogar brennend, welche Freunde der Familie dem Fest tatsächlich fernbleiben würden. Das wäre nicht einmal ein Affront gegen mich, sondern vielmehr gegen meine Eltern. Wer nimmt das in Kauf, bloss wegen zwei Männernamen auf der Einladung? Meiner Meinung nach müssen eingeladene Gäste begründen, weshalb sie nicht aufkreuzen. Paare hingegen müssen sich für den Schritt vor den Altar nicht rechtfertigen – egal in welcher Geschlechterkombination.

Wenn ich es wollte, dann würde meine Familie eine Big Fat Turkish Gay Wedding auf die Beine stellen. Auch wenn es ein, zwei klärende Gespräche dazu bräuchte, sie stünden alle hinter mir. Natürlich werde ich mich hüten, nur um des Statement Willen eine Hochzeit zu feiern. Die Liebe soll auch bei mir im Zentrum stehen. Der Mann dazu ist zwar noch nicht da, aber haltet die Zurna und die Davul schon mal bereit!

Von Onur Ogul am 01.11.2019
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