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  4. Pride in Zürich veränderte mein Leben - Blog «Voll schwul!» Onur Ogul

Voll schwul!

Eine Pride-Party veränderte mein Leben

Für SI-Online-Blogger Onur Ogul ist die Strassen-Demo zwar der wichtigste Programmpunkt der Pride. Dass die Feste drumherum aber genauso ihre Berechtigung haben, erlebte er an seiner allerersten Teilnahme vor 13 Jahren.

Zurich Pride 2019

Verkehrstafeln markieren die Pride-Woche in Zürich.

ZVG

Heuer, da sich die Pride in Zürich zum 25. Mal und die Stonewall-Aufstände in New York zum 50. Mal jähren, erinnere ich mich an meine allererste Teilnahme an der Pride. Und realisiere nun, im Alter von 31 Jahren, wie einschneidend dieses Erlebnis war. Ein misslungener Geburtstag, eine gute Freundin und ein heutiger Politiker sorgten dafür, dass ich den Abend des 10. Juni 2006 nie mehr vergessen werde. 

An jenem Tag wurde ich 18 Jahre alt. Ich feierte meinen Geburtstag mit zwei engen Freundinnen und meiner Schwester. Als Landei vom Aargau und Jung-Schwuler war ich extrem neugierig auf das grosse bunte Zürich, das ich ab meiner Volljährigkeit zu entdecken plante. Deshalb entschied ich, meinen Geburtstag  dort zu feiern.

Wichtiger Mitgrund: Am selben Abend sollte ich eine Chatbekanntschaft zum ersten Mal treffen. Alan, der etwa im selben Alter ist wie ich. Damals war noch die Internet-Plattform Purplemoon in, wo sich junge LGBT-Menschen mit einem Profil registrieren und mit anderen chatten konnten. Ein enorm wichtiger Ort für junge Schwule und Lesben, um sich auszutauschen.

Jener Alan erklärte mir auf Purplemoon, es gebe eine Pride-Party in Zürich just am Abend meines 18. Geburtstags, ich solle doch auch kommen. Klang für mich superabenteuerlich, ich wusste damals nicht mal, was die Pride war. Das Rohstofflager zu sehen, ein lange Zeit angesagter Electroclub in Zürich, und endlich mal eine waschechte Gay-Veranstaltung zu erleben, waren Motivation genug, um zuzusagen.

Eine ganz neue Welt

Meinen drei Begleiterinnen versuchte ich die Gayparty aber erfolglos schmackhaft zu machen. Bei der Vorstellung wurde ihnen mulmig. Immerhin hatten sie bisher keinen engen Kontakt zu Schwulen, ausser zu mir - geschweige denn zur Gayszene!

Sie überstimmten mich und wir gingen an eine Hetero-Party (für alte Zürich-Kenner: im Acqua). Doch meine Gedanken schwirrten einzig und allein um dieses Gayfestival – und ich war nur ein paar Kilometer davon entfernt! Zudem wollte ich endlich diesen Alan kennenlernen, der für mich quasi ein Mentor der Gaywelt war.

Nach genügend langem Schmollen konnte ich eine meiner Freundinnen endlich überzeugen, doch noch zur Pride-Party mitzukommen. Alleine hätte ich mich nie getraut. 

Dort angekommen, eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Plötzlich stand ich in einem der angesagtesten Clubs, vollgepackt mit anderen Schwulen!

Da stand ich nun inmitten von Männern, die ich bisher nur als Internetprofil kannte. Ich hätte es natürlich nie gewagt, jemanden anzuquatschen, ich war dermassen scheu und unsicher. Wie verhält man sich eigentlich unter anderen Schwulen? Wie geht Flirten mit einem Mann? Wie tanzt man mit einem Mann? Fragen, die ich mir zum ersten Mal im Leben stellte.

Zurich Pride

50 Jahre ist es her, seit Schwule, Lesben und Transmenschen sich in der New Yorker Bar Stonewall Inn gegen eine der häufigen Polizeirazzien in ihrer Szene wehrten - zum ersten Mal geeint. Sie begründeten die nun jährlich in vielen Ländern stattfindenden Prides.

Zürich feiert zum 25. Mal die Pride. Am 15. Juni findet die grosse Strassendemo statt. Zudem finden bis zum 16. Juni Veranstaltungen in Kultur und Politik statt. Mehr: http://zurichpridefestival.ch/prideweeks/

Der Wert der Party

Schliesslich fand ich diesen Alan. Wir unterhielten uns für nicht mal eine Stunde, den Inhalt weiss ich ehrlich gesagt nicht mehr. Aber es reichte, um den Grundstein für eine langjährige Freundschaft zu legen.

Ihr merkt, das ist eine dieser «Wenn ich diese Person nie getroffen hätte...»-Story. Alan war schon früh LGBT-Aktivist, setzte sich stets für die Rechte der Schwächsten ein. Mich zog er mit in die Politik, machte mich zu einem Aktivisten, wenn auch nur halb so engagiert wie er. In der Freizeit bewegten wir uns in Zürichs Gayszene, wo ich viele Kontakte zu anderen Schwulen knüpfte. All das half mir, durch die «zweite Pubertät» nach dem Coming-Out zu kommen, um schliesslich meinen Platz in der Welt zu finden.

Damit war es auch Alan, der mir (vielleicht ganz unbewusst) den Wert des Party-Teils der jährlichen Pride aufzeigte. Lange war ich nämlich der Meinung, dass die Festivitäten zu sehr vom politischen Kampf, welcher hinter der Pride steckt, ablenkten.

Eine Stadt für LGBT-Menschen

Heute weiss ich, wie wichtig gemeinsames Feiern für junge «anderssexuelle» Menschen ist. Der Erfahrungsaustausch und das Knüpfen von Kontakten ausserhalb des Internets gelingen in lockerer Party-Atmosphäre einfach besser als beim Skandieren und Marschieren auf der Strasse. Die Festivitäten sind eine wertvolle Ergänzung zum politischen Protest, den wir weiterführen müssen, bis die Gleichberechtigung endlich erreicht ist.

Ohne die Pride-Party 2006 wäre ich heute jedenfalls nicht der Mensch, der ich bin. Und ich bin mir ganz sicher, dass zahlreiche Lesben, Schwule und andere Menschen ähnliche Pride-Geschichten erzählen können. 

Übrigens ist Alan nach wie vor engagiert. Er war nicht nur jahrelang Politverantwortlicher der Zurich Pride, er hat auch die unten stehenden, starken Zeichen zum diesjährigen Jubiläum im Zürcher Stadtparlament gefordert. Zeichen dafür, dass Zürich ein Ort bleiben will, wo sich LGBT-Menschen treffen können, um einen Platz in der Welt, die Liebe oder einfach nur Lebensfreude zu finden.

Von Onur Ogul am 15. Juni 2019