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Voll schwul!

Eltern dürfen sich Hetero-Kinder wünschen

Wenn Prinz William einen schwulen Sohn hätte, wäre das für ihn «in Ordnung, aber...». SI-online-Blogger Onur Ogul betrübt, dass sich Eltern oftmals heterosexuelle Kinder wünschen. Dennoch kann er sie verstehen, wenn sich ihre Sorgen wirklich ums Kind drehen.

Prinz William und Herzogin Kate

Prinz William und seine Frau Kate haben sich Gedanken darüber gemacht, was wäre, wenn eins ihrer Kinder homosexuell wäre.

imago images / Frank Sorge

Wann outet sich eigentlich der erste schwule Prinz? Diese Frage habe ich schon viele Male gestellt und mir die Antwort gleich selbst gegeben: Meghan ist nur Harrys Alibi-Frau, er will einzig und allein mich!

Okay, fertig Tagträumerei! In den royalen Familien Europas lebt bisher kein enges Mitglied offen schwul oder lesbisch. Kein Wunder, stürzten sich die Medien 2018 auf Ivar Mountbatten, einen Verwandten von Queen Elizabeth II., der mit 56 Jahren seinen Partner zum Mann nahm – als erster offen lebender Schwuler der Königsfamilie! Nur ist Mountbatten ein so weit entfernter Cousin der Queen (und übrigens auch ihres Gatten Prinz Philip), dass man ihn auf dem Stammbaum kaum noch findet. So richtig Premiere feierte bei den Briten also noch kein schwuler Royal.

Nun versuchte Prinz William, 37, diese Woche zwar seine homofreundliche Einstellung kundzutun. Doch seine Aussagen hatten einen schalen Beigeschmack, besonders für seine Kids.

Angst vor dem gesellschaftlichen Druck

William besuchte am Mittwoch den Albert Kennedy Trust, eine Organisation, die sich um obdachlose LGBT+-Jugendliche kümmert. Dort sprach er mit Betroffenen und offenbarte ihnen, er hätte kein Problem damit, wenn eins seiner Kinder schwul oder lesbisch wäre.

Prinz William

Prinz William zu Besuch beim Albert Kennedy Trust.

Getty Images

Mit seiner Frau Catherine, 37, spreche er häufig über dieses Thema, so der Prinz. Söhnchen Louis ist ein Jahr alt, Charlotte vier und George fünf. Wären sie homosexuell, würden William und Kate ihre Kinder unterstützen, «für mich in Ordnung, aber...». Der Prinz war im Gespräch offensichtlich total ehrlich, denn er sagte weiter, es sei nun mal nicht so einfach, Papa eines homosexuellen Kindes zu sein – erst recht nicht, wenn man der Thronfolger ist.

Er würde sich nicht per se Sorgen um die Homosexualität seiner Kinder machen, sondern vielmehr darum, wie die Gesellschaft mit ihnen umgehen würde. Nach einem Coming-Out würde nämlich ein riesiger Druck auf den Kindern lasten, so William.

Er hat mit seiner Einschätzung auf jeden Fall recht. Nur schon britische Boulevardmedien wüssten tausend Wege, wie sie das erste homosexuelle Mitglied der Königsfamilie ausschlachten könnten. Der oder die Betroffene wäre wohl unter Dauerbeobachtung der Paparazzi. Bei jedem öffentlichen Auftritt würden Royal-Beobachter irgendeinen Zipfel an der Person finden, um das ganze Gay-Thema wieder breitzutreten.

Ganz zu schweigen von den Reaktionen aus konservativen Kreisen oder aus religiösen Gemeinschaften. Wir dürfen nicht vergessen, dass Prinz William nach seinem Papa Charles die Nummer Zwei in der Thronfolge ist. Söhnchen George ist die Nummer Drei. Pikant: Der britische König ist gleichzeitig das Oberhaupt der Church of England, eine Institution, die nicht mit offenen Armen auf Schwule und Lesben gewartet hat.

Prinz William Kate Louis Charlotte und George

Ob der kleine Louis (auf Williams Arm) sich dereinst als homosexuell outen wird? Oder George, vielleicht aber doch die kecke Charlotte?

Getty Images

Mama und Papa wollen den angenehmsten Weg

Nicht gerade ermunternde Worte für George, Charlotte und Louis, um sich dereinst zu outen. Aber Williams Aussagen sind nichts als die realistischen Sorgen von Eltern.

Diskriminierung und Gewalt gegen Homosexuelle gibt es in Grossbritannien wie auch im Rest der Welt. Wer hegt da schon den expliziten Wunsch, einen Menschen auf die Welt zu bringen, der sich diesen Herausforderungen stellen muss?

Es ist verpönt und moralisch fragwürdig, vor der Geburt laut über sein Traumkind nachzudenken. Doch leise für sich tun das mit Sicherheit viele werdende Eltern. Dabei werden die Kinder in ihrer Traumvorstellung kaum schielen, Albinos sein, ein Pferdegebiss haben, übergewichtig oder eben schwul sein. Als Mama oder Papa erhofft man sich doch einfach, dass alles paradiesisch einfach wird.

Die Besonderheiten des Aussergewöhnlichen

Meine eigenen Eltern stehen zwar absolut hinter mir. Aber könnten sie ganz offen sprechen, würden wohl auch sie sagen: «Wenn ich hätte wünschen können, dann lieber nicht schwul.» Und wisst ihr was? Das schmerzt vielleicht nur ein kurzer Moment. Denn in erster Linie würden sie diesen Wunsch in meinem Interesse äussern, nicht im eigenen. Sie wollen nur, dass ihr Sohn ein möglichst angenehmes Leben führen kann. Daher habe ich für ihr Gedankenspiel Verständnis.

In wie vielen Momenten stellte ich mir selbst schon vor, heterosexuell zu sein! Solche Träumereien helfen auch, die heutige tatsächliche Situation zu reflektieren und zu schätzen. Wäre ich nicht schwul, würde ich heute ein anderes Leben führen. Mit anderen Freunden feiern, vielleicht wäre ich vergeben – oder schon Papa! Möglicherweise an einem ganz anderen Ort leben mit einem ganz anderen Job. Ob das ein besseres oder schlechteres Leben wäre als mein wirkliches, weiss ich zwar nicht. Aber ich würde mein Leben als Schwuler nicht einfach wieder hergeben.

Wichtig ist doch, dass Eltern, ob Prinz oder Pöbel, ihre Kinder unterstützen, egal wie sie zur Welt kommen. Und sie sollten mit Freude entdecken, welch schöne Besonderheiten ein Kind mitbringt, das nicht dem Mainstream aus Gedankenspielen entspricht. Vielleicht wird dann auch mal der Rest der Gesellschaft diese Vorzüge erkennen.

Von Onur Ogul am 28. Juni 2019