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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Fünf Gründe, warum Schwule den ESC lieben

Der Eurovision Song Contest begeistert Millionen Menschen auf der Welt. Unter den männlichen Fans gibt es viele Schwule. SI-Redaktor Onur Ogul hat fünf Gründe dafür gefunden.

Jeden Frühling trudeln sie ein, die Einladungen zu privaten ESC-Partys. Absender sind meine schwulen Freunde, Schwulenbars und Schwulenclubs. Die zahlreichen Fans aus der LGBT-Gemeinschaft fallen auf. Kein Wunder, dass mich viele fragen, wieso sich Homosexuellen so sehr für den Eurovision Song Contest interessieren.

Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, aber bisher nie eine klare Antwort gefunden. Deshalb habe ich mich ein wenig unter meinen Freunden umgehört und folgende fünf Gründe gefunden:

Erstens: Das erfüllte Klischee

Der ESC ist bunt. Diven in Glitzerkleidern treten neben Travestiekünstlern, Opernsängerinnen, hübschen jungen Männern, Rockstars und Paradiesvögeln auf. Schwule sollen ja das Ausgefallene und Schrille besonders mögen. Das bedient eins der häufigen Klischees über Homosexuelle. Schaut man sich die Teilnehmer der vergangenen Jahre an, dann sind immer wieder Sonderlinge wie Verka Serduchka dabei. Die ukrainische Drag Queen belegte 2007 immerhin den zweiten Platz. Queere Künstler sind also beliebt und ziehen verständlicherweise queere Fans an.

Zweitens: Die politische Bühne

Die Organisatoren des ESC wollen den Anlass möglichst unpolitisch halten. Aber auch wenn die Regeln es verbieten: Künstler nutzen die grosse Bühne immer wieder, um zumindest implizit politische Signale zu senden. 1974 lieferte der Portugiese Paulo de Carvalho einen indirekten Aufruf zur Nelkenrevolution, die erwähnte Verka Serduchka sang «Lasha Tumbai», was einige als «Russia Goodbye» verstanden, und die israelische Band Teapacks spielte 2007 mit «Push the Button» auf die Angst vor einem atomaren Krieg an (meinen zumindest einige).

Selbstverständlich nutzten auch LGBT-Vertreter die Gelegenheit der hohen Aufmerksamkeit. 1961 besang Jean Claude Pascal mit «Nous Les Amoureux» für Luxemburg die gleichgeschlechtliche Liebe, wenn auch nur zwischen den Zeilen. Die Finnin Krista Siegfrids war 2013 dann schon weniger zimperlich. Sie küsste eine ihrer Background-Sängerinnen, als sie «Marry Me» (Heirate mich) sang. Ein Protest gegen das Heiratsverbot für Gleichgeschlechtliche in ihrem Heimatland. Verständlich, dass sexuelle Minderheiten diesen Anlass mit Stolz verfolgen.

Drittens: Anderssexuelle sind hier Stars

Auf der Bühne darf man alles. Das gilt für viele Kulturen. Bülent Ersoy ist eine der berühmtesten und geachtetsten Sängerinnen der Türkei – eine Transsexuelle in einem sonst homofeindlichen Land! Das konservative Irland schickt dieses Jahr mit «Together» einen Beitrag an den ESC, während dem auf der Bühne zwei Männer ihre Liebesbeziehung tanzend demonstrieren.

Den Damm gebrochen hat 1998 Dana International. Für Israel gewann die Transsexuelle den ESC mit ihrem unvergessenen Hit «Diva» (womit wir wieder beim Klischeeargument wären). Beachtlich, denn in diesem Jahr wurden neu die Zuschauervotings eingeführt. Ein starkes Zeichen, dass die sexuelle Identität für die Zuschauerschaft in der Mehrheit der Teilnehmerländer keine Rolle zu spielen scheint. Nach Dana International holte die lesbische Marija Serifovic 2007 den Sieg für Serbien. Die Drag-Künstlerin Conchita Wurst gewann 2014 für Österreich. Dass das Angehören zu einer Minderheit nicht für einen Sieg reicht, bewiesen jedoch etliche andere schwule und lesbische Künstler. Unser Schweizer Michael von der Heide schied 2010 im Halbfinale aus.

Viertens: Die Fussball-WM der Schwulen

Länderwettbewerbe begeistern, das ist nicht neu. Im Fussball ziehen die Grossanlässe EM und WM jeweils auch die Aufmerksamkeit von Fussball-Verschmähern auf sich. Es wäre absurd zu glauben, dass es unter Fussballfans keine Schwulen gäbe. Aber den Satz «Der ESC ist einfach unsere Fussball-WM» habe ich so zahlreich gehört, dass ich ihn gerne als weitere These erwähne. In verschiedenen Bereichen zeigen sich Männer als kompetitives Wesen. Wenn man nun bedenkt, dass der ESC Diven und Trash-Pop-Grössen in einen internationalen Wettbewerb stellt, könnte man die Rechnung ganz einfach machen: Kompetitive Menschen = Männer, Fans des ESC = sexuelle Minderheiten. Die Kombination ergibt: Besonders viele schwule Fans. Arg vereinfacht, aber einleuchtend.

Fünftens: Fehlende Heteros

Womit wir zur These kommen, die meiner Meinung nach am naheliegendsten ist. Wer interessiert sich schon für einen Singwettbewerb, wo trashiger Pop in farbig leuchtenden Kleidern gesungen wird? Der Event zieht eine ganz spezifische Gruppe der Bevölkerung an. Wenn man nur die Männer betrachtet, dann sind das hauptsächlich Schwule. Weil die Popkultur einfach ihr Ding ist, weil die politische Botschaft des ESC seit längerem homofreundlich ist, und weil der Event das tut, wofür die ganze Schwulenszene überhaupt steht: Angehörige sexueller Minderheiten zusammenführen, Party machen und ein Gemeinschaftsgefühl aufbauen.

Was ein Trugschluss ist: Nicht alle Schwule lieben den ESC durchwegs. Ich kenne etliche Homos, denen der ESC piepegal ist. Ich glaube, der ESC wird deswegen als Schwulenevent wahrgenommen, weil die männlichen, sichtbaren Fans homosexuell sind. Populär ist der Gesangswettbewerb aber noch immer bei einer viel breiteren Masse.

Am Samstag am grossen Finale besuche ich übrigens eine ESC-Homeparty, organisiert von einer heterosexuellen, weiblichen Freundin.

Mein Favorit für den Sieg: