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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ferien bei Schwulenhassern

Das bekannteste Lesben-Paar der Schweiz macht derzeit Ferien in Dubai. Einige meinen, sie sollten das homofeindliche Emirat aus Prinzip meiden. SI-online-Blogger Onur Ogul sagt, weshalb er trotzdem hinreisen würde.

Der Sommer naht und die Ferienplanung steht an. In der Wahl der Destination bin ich ziemlich offen – immer wieder zum Schock einiger schwuler Freunde.

Sie schauen mich mit grossen Augen an, wenn ich ihnen erzähle, dass auch der Iran, Russland oder verschiedene Staaten im Nahen Osten auf meiner Wunschliste stehen. Denn bei ihnen schaffen es diese Länder höchstens auf ihre schwarze Liste.

 

Gesetze drücken nicht jedermanns Haltung aus

«Ich gehe nirgendwohin, wo ich nicht erwünscht bin», entrüstet sich mein schwuler Arbeitskollege. Damit meint er nur schon Russland, wo «positive Propaganda» für Homosexualität unter Strafe steht. Gar nicht zu reden vom Iran, wo die Todesstrafe droht.

Ich sehe das anders. Staaten sind politische Gebilde, die ihre eigenen Gesetze haben. Sie mögen von der Kultur der Gesellschaft inspiriert sein, doch sie drücken nicht jedermanns Haltung aus.

Ein Land besteht aus so viel mehr als Gesetzestexten. Es bietet kulinarische Spezialitäten, seine eigene Musik, wunderschöne Naturphänomene, und nicht zuletzt Menschen, die alle einen ganz eigenen Charakter haben.

Bis zu 10 Jahre Knast in Dubai

Warum um alles in der Welt sollte ich darauf verzichten, spannende Flecken dieser Erde zu entdecken, nur weil die Gesetzgeber Hinterwäldler sind?

Moderatorin Dominique Rinderknecht, 28, und Topmodel Tamy Glauser, 33, geniessen gerade die Sonne Dubais. Natürlich muss das bekannteste Lesben-Paar der Schweiz vorsichtig sein. Nur schon das Zeigen von Zärtlichkeiten kann zu Festnahmen führen. Würden sie bei sexuellen Handlungen erwischt, könnten sie Haftstrafen von bis zu 10 Jahren kassieren.

Dominique Rinderknecht Tamy Glauser
© Instagram

Schnappschüsse gibts nur im Geheimen: Dominique Rinderknecht (l.) und Tamy Glauser in Dubai.

Boykott nützt nichts

Es ist ein grosses Glück, dass ich in der Schweiz leben darf. Wenn ich hier das ganze Jahr über frei leben kann, dann halte ich es aus, mich für ein, zwei Wochen zurückzunehmen. So wie es jetzt Rinderknecht und Glauser tun.

Meinen kritischen Freunden geht es nicht nur um die Angst, ihnen könnte etwas geschehen. Sie boykottieren Länder vielmehr aus Prinzip. Doch wem ist damit geholfen? Wird irgendein Fischverkäufer vom Markt jemals beim Staatspräsidenten klagen, er habe keine schwulen Kunden? Wir sich die Tourismuslobby jemals bei Politikern melden, weil sie sehr gerne LGBT-freundliche Hotelketten eröffnen wollen? Wohl kaum!

Und was, wenn die Heterosexuellen auch noch wegblieben? Leidtragende wären die Arbeitnehmer im Gastro- und Tourismussektor, die es ohnehin schon schwer haben. Und die Einheimischen hätten gar keinen Kontakt mehr zu Menschen, die anders denken wie sie. Es ist unwahrscheinlich, dass religiöse Fanatiker solch grundlegende Gesetze wegen weniger Einnahmen in diesen Branchen ändern würden.

Es tut uns gut, ab und zu die Realitäten anderer Weltregionen am eigenen Leib zu spüren. Wenn wir sehen, wie Menschen sich nur in Geheimzimmern treffen können, wie Partys nur im Untergrund steigen, und wie arg die Unterdrückung an der Psyche der Betroffenen nagt, dann kommen wir eher aus unserer Regenbogen-Blase heraus und setzen uns für jene ein, die nicht so ein grosses Glück hatten mit ihrem Geburtsort wie wir. Ein Boykott ändert für die Betroffenen jedoch gar nichts.