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Voll schwul!

Flucht aus der Homo-Hölle

Das Schicksal eines schwulen Pakistani erinnert SI-online-Blogger Onur Ogul daran, dass er im Paradies leben darf. Und dass dieses anderen geöffnet werden muss.

Onur Ogul Blog

Seit einigen Tagen reise ich alleine durch Australien, da brauche ich wieder einmal nette Gesellschaft. Ich nehme also die gute, alte Dating-App namens Tinder zur Hand und habe schon bald einen interessanten Kandidaten gefunden.

Der 27-Jährige kommt im geblümten Hemd zum Date. Ein tiefschwarzer Vollbart schmückt sein Gesicht, auf dem Kopf eine lässige Haartolle. Durch dicke Brillengläser schauen mich liebenswürdige, dunkelbraune Bambi-Augen an. Mit seinem ansteckenden Lachen macht er gleich zu Beginn einen sehr sympathischen Eindruck. Bilal wollte mir seine Lieblingsorte in Sydney zeigen. Da ahne ich noch nicht, dass der Abend in Tränen enden wird.

Es war die Hölle

Bilal, der in Wirklichkeit nicht so heisst, stammt aus Pakistan. Er ist erst vor ein paar Jahren ganz alleine ausgewandert. In ein Land, das er vorher noch nie besucht hatte und dessen Sprache er nur dürftig sprach. Offizieller Grund für die Einreise ist sein Studium. Doch eigentlich ist Bilal ein Flüchtling.

Bilals Lachen verstummt, die Bambi-Augen richten sich gegen den Boden, als er von seinem Leben in Pakistan spricht. Er vermisse seine Mutter und seine zahlreichen jüngeren Geschwister. Aber er habe es zu Hause einfach nicht mehr ausgehalten.

Als Homosexueller in Pakistan zu leben, sei die Hölle. Er habe niemandem getraut und das aus gutem Grund. So erzählt er mir, dass während eines geheimen Dates in einem Hotel plötzlich die Polizei in den Raum stürmte. Homosexuelle Handlungen unter Männern sind nach pakistanischem Gesetz verboten. Es drohen Haftstrafen ab zwei Jahren bis lebenslang sowie Bussen. In manchen Gebieten, wo die Scharia angewandt wird, könnte sogar der Tod durch Steinigung drohen.

Ein Albtraum, der weit zurückliegt

Die Polizisten waren aber nicht da, um Bilal und den anderen Mann einzusperren. Vielmehr erpressten sie die beiden über längere Zeit. Forderten immer wieder Geld und drohten, die beiden bei ihren Familien zu outen.

Als wäre das nicht genug Horror für einen damals 20-Jährigen, wurde Bilal bei anderen Treffen mit Männern auch schon vergewaltigt. Er erzählt mir seine traurigen Geschichten in einem gefassten Ton, wirkt, als würde er von einem Albtraum reden, der weit zurückliegt.

In Sydney könne er endlich leben, wie er es in Pakistan immer nur geträumt hatte, schwärmt er. Nur ein liebevoller Freund fehle ihm noch zum vollkommenen Glück. Den könnte er schon bald in Sydney finden. Immerhin ist die Stadt die australische Schwulenmetropole par Excellence.

Ist das kein Asylgrund?

Bilal zeigt mir Schwulenbars, in denen er sorglos tanzen und flirten kann. Clubs, in denen Dragqueens rauschende Shows aufs Parkett legen. Aber in meinem Kopf schwirren immer noch die Geschichten aus seiner Heimat herum.

Wie viele Pakistani es wohl gibt, die nicht das Glück haben und von einem australischen Immigrations-Programm profitieren können? Wie viele es wohl gibt, die sich nichts sehnlicher wünschen, als einfach nur abzuhauen?

In der elenden Flüchtlingsdebatte, die in Europa schon seit Ewigkeiten andauert, sind «echte» Asylgründe immer wieder ein Thema. Sollte Bilals Schicksal nicht ein solcher echter Grund zur Flucht sein?

Nun, in der Schweiz hätte er es schwer Asyl zu erhalten. Laut Staatssekretariat für Migration reicht es nicht aus, als Homosexueller in einem Staat zu leben, der sexuelle Handlungen zwischen Männern kriminalisiert. In jedem Einzelfall muss die asylsuchende Person beweisen oder sehr glaubhaft darlegen, dass sie wirklich bereits verfolgt wurde. Die Angst, aufgrund der Homosexualität später verfolgt zu werden, reicht nicht aus.

Welche Alternative hätte er gehabt?

Doch gerade im Fall von Pakistan ist es schwierig zu beweisen, dass man als Homosexueller verfolgt wird. Der Staat setzt das Gesetz nicht konsequent um. Bilal hätte daher keinen Haftbefehl oder Busse vorlegen können. Die Polizei hat ihn ja nicht angezeigt, sondern erpresst!

Die Vergewaltigungen kann er auch nicht belegen, weil er mit seiner Geschichte aus nachvollziehbaren Gründen nicht den nächsten Arzt konsultierte, geschweige denn eine Anzeige erstattete. Und genau letzteres könnten die Schweizer Behörden einem Asylsuchenden vorwerfen.

Heisst das jetzt, dieser Mensch hat kein Recht, das Land zu verlassen, das ihm wegen seiner Sexualität das Leben zur Hölle macht? Soll das heissen, Bilal sollte es verwehrt bleiben, in ein Land zu flüchten, wo er sich in Sicherheit und Frieden entfalten kann? Welche Alternative hätte er gehabt? Die üblen Polizisten den Behörden melden und riskieren, dass seine Homosexualität bei seiner Familie auffliegt? Damit die ihm dann die Hölle heiss macht?

Wir alle haben Schutz verdient

Es ist nichts als ungerecht. Dass Homosexuelle es aushalten sollen in einem Staat zu leben, wo ihnen jederzeit Gewalt und Ausgrenzung droht, ist unhaltbar. Selbst wenn die Strafen wie in Pakistan nicht durchgesetzt werden. Ein Staat, der Schwarz auf Weiss eine Bevölkerungsgruppe erniedrigt, hat auch kein Interesse daran, diese Minderheit zu schützen. Was man an den korrupten Polizisten in Bilals Fall deutlich erkennt. Und wir alle haben Schutz verdient.

Bilal und ich tanzen uns in einem der zahlreichen Schwulenclubs die schweren Gedanken vom Leib. Als wir uns auf ein Sofa setzen, um uns auszuruhen, nehme ich ihn in den Arm. Etwas, das er in seiner Vergangenheit viel zu wenig erlebt hat, sage ich mir. Ich liege mit meiner Vermutung wohl richtig. Bilal hört in meinen Armen während Minuten nicht mehr auf zu weinen, hält mich ganz fest. Ich entscheide mich, nichts zu sagen und in diesem Moment einfach für ihn da zu sein. So wie es Länder wie die Schweiz mehr tun sollten.

Von Onur Ogul am 28. Dezember 2018