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Voll schwul!

Ghosting – Was plötzliche Funkstille auslösen kann

Auf einmal ignoriert. SI-online-Blogger Onur Ogul schreibt, wie er sich nach Ghosting fühlt – und hat eine Botschaft an alle Chat-Deserteure.

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Getty Images

Das Schlimmste an der Geschichte ist ja, dass wir kurz vor dem ersten Date standen! Nach einem tagelangen, lustigen, sympathischen Nachrichten-Pingpong sollte ich meinen Chatpartner endlich zum ersten Mal treffen – und zwar auf seine Initiative hin. Er schien sehr interessiert an mir, bis zu jenem Moment.

Als ich kurz vor dem vereinbarten Treffpunkt stand, erreichte mich jedoch eine Nachricht: «Warte noch, falls du noch nicht los bist.» Natürlich bin ich schon los, Pünktlichkeit ist sexy. Ich antwortete, ich sei schon unterwegs. Und er... ja, das wars. Meine letzte Nachricht steht seither ungelesen im Chatverlauf. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört. Ich bin ein Ghosting-Opfer wie viele andere, die dem Online-Dating frönen.

Ghosting

Unter Ghosting versteht man den plötzlichen Kontaktabbruch ohne Vorankündigung. Ghosten können sich Freunde, Partner, Geschwister, Chatpartner oder sonstwie verbundene Menschen.

Phase 1: Wut

Da stehe ich also ganz verlassen am Treffpunkt und stelle mir viel zu viele Fragen. Was ist da gerade geschehen? Ich schaue mir nochmals den ganzen Nachrichtenverlauf der letzten 24 Stunden an. Habe ich einen Hinweis überlesen, wodurch ich das Ghosting hätte voraussehen können? Habe ich irgendetwas geschrieben, was er missverstehen hätte können? Habe ich irgendetwas missverstanden?

Es könnte nichts oder auch alles von dem zutreffen. Der Haken am Ghosting ist ja: Ich werde es nie und nimmer erfahren. Und das macht mich in einer ersten Phase einfach nur sauer. Ich würde behaupten, dass gewisse Anstandsregeln vom analogen Leben selbstverständlich auch für die digitale Welt gelten. Man stelle sich vor, du führst eine heitere Unterhaltung und von einem Moment auf den anderen läuft dein Gesprächspartner einfach davon. Daneben! Und dass einige Menschen die räumliche Trennung durchs Internet ausnutzen, um solche Regeln zu brechen, ist genauso daneben.

Phase 2: Tiefe Unsicherheit

Die zweite Phase ist eine, die sehr von der eigenen Persönlichkeit abhängt. Bei mir jedenfalls kommt nach der Wut die Unsicherheit. Wieso wurde ich geghosted? Warum gerade ich, wieso heute, wieso so? Wie hätte ich es verhindern können?

Ich versuche, mich in ihn hineinzuversetzen. In welchem Moment würde ich den anderen ghosten? Das Gedankenspiel hilft aber nicht. Denn ich würde nur Leute ignorieren, die mir etwas Freches schicken oder mich ohne Grund angreifen. So etwas in der Art habe ich aber nicht verbrochen, und deshalb habe ich plumpes Ignorieren ganz bestimmt nicht verdient.

Ich weiss nicht, ob dem Gegenüber bewusst ist, dass er solche Emotionen durch Ghosting provoziert. Wahrscheinlich ghosten eh nur Menschen, die gar keine Empathie haben. Sie verstehen offensichtlich nicht, dass gar keine Nachricht schlimmer ist als eine (anständig) ablehnende.

Ich bin mindestens ein Emoji wert

Dabei wäre es so einfach. Nur schon in meinem Beispiel hätte es zwei simple Optionen für den Chatpartner gegeben, um es besser zu machen.

  • Ehrliche Antwort: «Ich habs mir anders überlegt, ich bin doch nicht bereit für ein Treffen. Sorry.» Eine kurze Erklärung dazu wäre noch das Sahnehäubchen.
  • Andere mögen sich lieber in Ausreden retten, wie «Muss mein Grosi ins Spital bringen». Den Kontakt lassen sie dann langsam versiegen. Was auch nicht in Ordnung wäre, denn Ehrliche haben den Längsten.
  • Für die ganz feigen ein gut-schweizerischer Tipp, wie ihr dem anderen vermitteln könnt, dass ihr kein Interesse habt: Emojis. Ein paar Mal nur Daumen-hoch, das kichernde Kätzchen oder das Zwinker-Emoji, bis die Unterhaltung von selbst im Keim erstickt.

Wieso ich die letzte Option überhaupt vorschlage? Weil gar keine Antwort kein Respekt bedeutet. Wenn sich schon jemand schändlich aus der Affäre ziehen will, dann zumindest mit dem kleinsten Funken Anstand.

Wer sich hingegen nicht einmal zu dieser schlechten Variante aufraffen kann, der ist wohl dazu verdammt, ein Ghoster zu sein. Einer, der anderen ohne schlechtes Gewissen vermittelt, sie seien nicht einmal ein Emoji wert. Das hat kein anständiger Mensch verdient.

Von Onur Ogul am 20. September 2019