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Voll schwul

Habt keine Angst vor Schwulenhass!

Der Angriff auf ein Schwulenpaar nach der Zurich Pride beschäftigt SI-online-Blogger Onur Ogul. Den Treiber für solch homophobe Aktionen sieht er ironischerweise hinter dem eigenen Kampf gegen Intoleranz.

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Ein schwules Paar an der Pride in Zürich.

Keystone

Der Tag schien so perfekt. Mehr als 55'000 Menschen demonstrierten am 15. Juni in Zürich bei viel Sonnenschein und fröhlicher Musik für die Akzeptanz und Gleichstellung von Homo-, Bi-, Transsexuellen und allen anderen LGBT+-Angehörigen.

Am Morgen nach der Pride dann die traurige Nachricht: Mehrere Jugendliche haben am Abend nach der Demo ein Schwulenpaar vor seiner Haustür angegriffen und leicht verletzt. Eine Tat aus Schwulenhass, denn die Angreifer sollen vor ihrer Tat «Schwuchteln» und «Seid ihr schwul?» gerufen haben.

Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken. Da feierst du einen langen Tag mit Freunden und Familie unter der Sommersonne, lässt es dir gut gehen und für einmal im Jahr kannst du deinen Freund öffentlich überall küssen, umarmen und seine Hand halten. Denn nie fühlt man sich als Schwuler so sicher wie an der Pride – es scheint, als wäre man für einmal in der Mehrheit. Und dann bestraft dich das Schicksal.

Ich kann nur erahnen, wie es den beiden Angegriffenen geht. Ich selbst wurde nur einmal angegangen, und das verbal. Ausgerechnet, als ich mich zum allerersten Mal traute, die Hand eines anderen Mannes in der Öffentlichkeit zu halten. Nur schon nach ein paar beleidigenden Worten fühlte ich mich über Monate – wenn nicht sogar über Jahre hinweg – unsicher. Die Hand eines Mannes hielt ich seither nie mehr in der Öffentlichkeit.

Man überlege sich jetzt, statt Worte schlagen einem Fäuste entgegen. Ein anderer Angreifer sei sogar mit einem Stock auf das Paar zugestürmt! Ich weiss nicht, wie lange ich das Haus nach einem solchen Albtraum nicht mehr verlassen könnte.

Das Opfer-Paar hat aber Mut gefasst und sein Erlebnis auf Social Media geteilt. Viele Medien nahmen die News auf. Einige fanden Stimmen, die sagen, homophobe Zwischenfälle häuften sich. Die sonst so besonnene «NZZ» titelte in ihrer Printausgabe gar «Neuer Hass auf Homosexuelle». Der Titel ist absurd. Gewalt gegen Homosexuelle gab es schon immer. Wie die Entwicklung homophober Gewalt in der Schweiz aussieht, wissen wir nicht. Denn die Polizei erhebt leider noch immer keine Zahlen über Straftaten, die aus homophoben Motiven erfolgen. Sich in der Berichterstattung auf Einzelstimmen zu stützen und darauf basierend den «Immer mehr»-Schluss zu ziehen, ist nicht seriös.

Social Media verändert die Wahrnehmung

Die «NZZ» hat aber etwas ganz Wichtiges aufgenommen: FDP-Nationalrat Hans-Peter Portmann (selbst schwul) sagt, homophobe Äusserungen würden wieder salonfähig. Gesehen hat man das kürzlich anhand eines sehr fragwürdigen Posts der Promi-Designerin Anastasia Kiefer. Sie sieht die Pride als «Homo-Propaganda» und befürchtet, dass die Heterosexuellen bald in der Minderheit sein werden, «aber das ist ja der Plan, oder?».

Für diese neue «Salonfähigkeit» sind grösstenteils die sozialen Medien verantwortlich. Durch sie bleiben fragwürdige Haltungen nicht mehr am Stammtisch in der Dorfbeiz, sie können sich nun sogar global verbreiten.

Die Posts zeigen Wirkung. Es entsteht der Eindruck, die Gesellschaft sei homophober geworden. Dabei muss es keineswegs mehr schwulenfeindliche Menschen geben. Die Reichweite ihres Gedankenguts ist einfach höher geworden.

Kommt hinzu, dass gesellschaftliche Entwicklungen in vielen Fällen von Gegenbewegungen begleitet werden. Wenn die Frau das Selbstbestimmungsrecht auf ihren Körper endlich erkämpft hat, wollen alte weisse Männer die Abtreibung wieder verbieten. Wenn die Sterbehilfe in einem Land erlaubt wird, nehmen Konservative in Nachbarländern den Kampf auf, um ein Verbot zu erwirken.

So geht es auch der LGBT+-Gemeinschaft. Je mehr Gleichstellung sie erreicht, desto härter bläst der Gegenwind. In den vergangenen Monaten tröpfelten immer wieder Meldungen ein über Staaten, die neu die Homo-Ehe einführen. Die Neuigkeiten wechselten sich aber mit widerwärtigen Aktionen gegen Schwule ab. In Brasilien wird ein deutlich homophober Präsident gewählt, im Iran werden angeblich schwule Jugendliche hingerichtet, der Sultan von Brunei will Homosexuelle neu steinigen lassen. Das sind aber nicht neue homophobe Stimmen, sondern einfach extremere.

Der Gewalt die Stirn bieten

Es ist noch unklar, in welcher Form das Pendel in der Schweiz zurückschlagen wird. Nächstes grosses Thema ist die Abstimmung über die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm. Darin sollen neu auch Hassaufrufe gegen LGBT+-Menschen verboten werden. Eine Allianz aus Konservativen und streng Religiösen hat erfolgreich das Referendum dagegen ergriffen. Sollten sie die Abstimmung krachend verlieren, könnte man das eher als Beweis für mehr Wohlwollen gegenüber Homosexuellen deuten.

Was sollen wir in der Zwischenzeit tun? Heterosexuelle Mitbürger können sich durch Zivilcourage gegen Gewalt im öffentlichen Raum einsetzen. Homosexuelle sollten sich nicht von einzelnen Zwischenfällen beeindrucken und in die eigenen vier Wände vertreiben lassen. Das angegriffene Paar in Zürich hat richtig gehandelt, es hat Anzeige bei der Polizei erstattet. Vielleicht würde ich das heute im Fall einer Anpöbelei auch tun. Einfach, damit Homophobe merken, dass ihr Verhalten in unserem liberalen Rechtsstaat nach wie vor nicht toleriert wird – auch wenn Einzelne von ihnen immer lauter schreien.

Gewalt an Homosexuellen

Die Dachverbände der LGBT-Organisationen haben aus Mangel an Statistiken selbst Zahlen zur Gewalt mit homophobem Hintergrund erhoben. Demnach gab es im Jahr 2017 im Schnitt jede Woche zwei Vorfälle. Details hier.

Von Onur Ogul am 21.06.2019
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