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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Hätte ich wie Küblböck enden können?

Die tragische Geschichte um Daniel Küblböck, der sich von einem Kreuzfahrtschiff gestürzt haben soll, beschäftigt SI-online-Blogger Onur Ogul. Die hohe Zahl an homosexuellen Männern, die sich umbringen, lässt ihn grübeln.

Gay heisst nicht nur schwul, sondern ist auch englisch für fröhlich, heiter. Oft denke ich: Was für ein Hohn! Weltweit gesehen führen nur wenige Schwule ein fröhliches Leben. In rund 70 Staaten ist Homosexualität gesetzlich verboten, in mehr als 10 droht immer noch die Todesstrafe.

Und obwohl wir hierzulande zumindest vom Gesetz her wohlbehütet sind, soll jeder fünfte Schweizer Homosexuelle bereits einmal versucht haben, sich das Leben zu nehmen. Das ergab 2013 eine Studie der Universität Zürich und der Schwulen-Organisation «dialogai». Mit Fröhlichkeit hat das wahrlich wenig zu tun. Rein mathematisch müsste ich also von Glück reden, dass ich in meinem grossen Freundeskreis niemanden durch Selbstmord verloren habe.

Seltsame Verbundenheit zu Küblböck

Jetzt hat sich Daniel Küblböck, 33, allem Anschein nach das Leben genommen. Es ist nicht klar, wie man den deutschen Entertainer nennen soll, ob schwul, transsexuell oder sonstwie. Es ist im Moment auch egal. Ein Mensch hat sich das Leben genommen, weil er es in seiner Haut offensichtlich nicht mehr ausgehalten hat. Familie und Freunde haben ihn verloren. Auch wenn ich ihn nicht kannte, durch seine «Anderssexualität» fühle ich mich ihm irgendwie verbunden.

Von Mobbing in seiner Schule war die Rede, von psychischen Störungen, von Alkohol- und Drogenproblemen. Von Kindesbeinen auf wurde er nicht akzeptiert, wie er war. Seine Mutter zog ihm Mädchenkleider an. Daniel kämpfte um Akzeptanz, um Liebe, um einen Platz in der Welt.

Er dachte, er finde all dies dank einer Castingshow im TV. Doch die Produzenten holten ihn nicht wegen seiner Gesangskünste, sondern wegen seiner besonderen Art. Das Rampenlicht brachte Küblböck zwar ein wenig Applaus ein, aber es bescherte ihm auch viel Häme. Nun wurde ihm vielleicht alles zu viel. Die Umstände bleiben ja nach wie vor unklar.

Galerie: Daniel Küblböcks Leben in Bildern


 

Seinen Platz in der Welt finden

Ich will mich nicht mit ihm vergleichen. Doch jedes Mal, wenn ich von einem Suizid eines Schwulen höre, fühle ich mich betroffen und es drängt sich mir die Frage auf: Habe ich Glück, noch da zu sein? Immerhin ging auch ich durch eine schwierige Zeit nach meinem Outing. Zu Hause war nicht von Anfang an klar, wie mein Vater damit umgehen würde. Zwar habe ich mir nie den Tod gewünscht, doch etliche Male, ein ganz «normaler» Mann zu sein. Ich wünschte mir quasi den Tod eines Teils meiner Persönlichkeit.

Nur durch mein unterstützendes Umfeld – und dank meines schliesslich einsichtigen und liebevollen Vaters – bin ich nie in Verzweiflung versunken. Ich konnte mich entfalten und allmählich an Selbstbewusstsein gewinnen. Ich habe meinen Platz in der Welt gefunden.

Es hätte alles anders kommen können. Die weiter oben genannte Studie ergab, dass die Hälfte der Suizidversuche von Schwulen vor dem 20. Altersjahr erfolgt. Also für die meisten in einer Zeit, in der man sich beginnt bewusst zu werden, was man ist und wen man liebt.

Manchmal bin ich ein Opfer

Menschen sind grausam. Das muss ich immer wieder feststellen. Die Grausamkeit zeigt sich nicht immer in Form einer Todesstrafe. Sie kann sich auch unterschwellig und perfid hinter angeblicher Toleranz verstecken. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass ich mich als Schwuler manchmal als Opfer dieser Gesellschaft sehe. So offen sich Schweizer auch immer geben – Ich bin hier immer noch ein Sonderling. Damit kann nicht jeder locker umgehen.

Vielleicht ist genau diese Offenheit mit meinen Sorgen das Ventil, das mir meine Lebensfreude erhält. Männer, die nicht über ihre Schwächen und Sorgen sprechen, führen einen härteren Kampf. Den sie leider öfter verlieren als ein Jammeri wie ich.