onur-blog.png

Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Handeln statt Jammern: Mein (gescheiterter) Selbstversuch

Raus aus der Komfortzone! Männer in einer Bar anzusprechen, klingt einfach. SI-online-Blogger Onur Ogul tut sich aber schwer damit. Weshalb seine Freunde in solchen Situationen Fluch und Segen sind.

Zurecht haben mich einige Leser darauf hingewiesen, dass ich mich oft beklage. Vor zwei Wochen habe ich geschrieben, wieso ich mich auf Dating-App-Entzug gesetzt habe (Nase voll, kenne schon alle, nimmt zu viel Zeit in Anspruch). Die Woche darauf verglich ich Schwulenclubs mit Marktplätzen (es geht weniger um Spass, mehr ums Abschleppen).

«Handeln statt Jammern!», empfehlen mir einige. Und ich nahm es mir zu Herzen.

Jeden Mittwoch öffnet in Zürich die Heldenbar ihre Tore. Ein nettes Lokal direkt an der Limmat mit einer Bar, Tanzfläche, ein paar Sofas, Tischfussball und Aussenbereich direkt am Fluss. Offen für alle LGBT-Menschen und deren Freunde.

Nach einigen Jahren gehe ich wieder einmal mit Freunden dorthin. Meine Mission: Jemanden ansprechen. Denn hey, «Handeln statt Jammern!»

Der Selbstversuch beginnt

Um 21.30 Uhr betrete ich das Lokal mit einem meiner Freunde. Es ist so leer, dass ich beim Eingang kurz stehen bleibe. Denn ich muss mitten durch den Raum laufen, um zur Bar zu gelangen. Die wenigen Besucher, die schon da sind, beobachten mich von allen Seiten. Glaube ich jedenfalls. Kann man nix machen, ich muss – jetzt – zur – Bar!

Denn das Schlimmste ist es, nichts in der Hand zu haben. Auch nur ein kleines Weinglas gibt unheimlich viel Halt. Ich weiss so wenigstens, was ich mit meinen Händen tun soll. Sonst würden sie so unnütz und unsexy in der Luft hängen. Oder ich hätte sie in den Hosentaschen, was wiederum signalisieren würde, ich sei verschlossen (sagt sicher irgendein Körpersprache-Duden). Oder ich würde mir die ganze Zeit ins Gesicht fassen, weil was nicht stimmen könnte. Oder an meinen Kleidern rumzupfen und damit total freakig wirken.

«DSDS»-Casting?

Wir begeben uns nach draussen, wo man eine kleine Treppe hinunter zum Flussufer steigen kann. Nicht wenige nützen diesen Gang als Catwalk. Schön langsam eine Stufe nach der anderen nehmen (es sind etwa vier), damit ja jeder sieht, dass man da ist. Ich bin eher froh, dass ich nicht stürze, weil ich derart schnell hinuntersteige.

Immer mehr meiner Freunde stossen nun zu uns. Küsschen hier, Umarmung da, wir haben uns viel zu erzählen. Nach gut einer Stunde fällt mir meine Mission wieder ein. Ich sollte eigentlich jemanden ansprechen. Aber wen nur?

Ich schaue mir das Publikum an: Alle sind etwa zehn Jahre jünger als ich. Weil die Heldenbar mit ihrer Electro-Musik eher eine Ausnahme in der Gayszene darstellt, spielen die Kiddies draussen am Flussufer ihre eigene Musik. Ariana Grande und Rihanna wechseln sich ab. Manche meinen, sie könnten von einem «DSDS»-Caster entdeckt werden, und singen laut mit. Sehr unterhaltsam. Aber alles andere als anziehend.

Trotz allem ein Erfolg

Warum spricht denn eigentlich niemand MICH an? Da fällt mir auf, dass ich in die klassische Falle getappt bin: Wer mit einer Gruppe Freunde unterwegs ist, wird unnahbar. Wer stellt sich schon mitten in eine Menschenmenge rein und spricht eine einzelne Person an? In der Schweiz jedenfalls niemand.

Umgekehrt geht es mir genau gleich. Alle sind in Grüppchen da und schauen sich aus ihrer geschützten Umgebung um. Doch mehr als Blicke gibt es nicht. Viel lieber starren einige in ihre Dating-Apps... um zu schauen, wer alles da ist... um ihre Traumtypen schliesslich anzuschreiben, sobald sie die Party verlassen haben.

Da ich mein Grindr und Tinder immer noch nicht wiederinstalliert habe, kann ich das nicht tun. Ich gehe nach etwa zwei Stunden wieder nach Hause. Sehr zufrieden, denn ein Abend mit tollen Freunden ist weitaus angenehmer als eine Mission Impossible.