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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ich hasse euch, liebe Dating-Apps

Nirgends ist es einfacher, Männer kennenzulernen als im Internet. Doch so nützlich die vielen Dating-Apps auch sind - sie machen nicht nur glücklich, schreibt SI-online-Blogger Onur Ogul.

Kennt ihr diese Menschen, die immer wieder jemanden aus dem Leben verbannen, um dann doch zu ihm zurückzukehren?

Ich bin auch so ein Selbstquäler. Aber nicht mit Personen, sondern mit Dating-Apps! Davon gibt es zahlreiche: Über Grindr, Hornet, Planetromeo und Tinder finden Männer andere Schwule, um sich mit ihnen zu unterhalten oder zu verabreden.

Und ich sags direkt: Ich hasse diese Apps von ganzem Herzen. Zigfach habe ich sie von meinem Smartphone gelöscht und dann wieder heruntergeladen. So auch jetzt nach einer einmonatigen Pause. Ich verstecke die Programme in einem Unterordner meines Handys («Schäm-Ordner»), wo sie niemand sehen kann. Jeder benutzt die Apps, doch irgendwie will ich nicht so offensichtlich einer davon sein.

So drehe ich das Telefon im Bus immer ganz clever in einem genau berechneten Winkel, damit die Leute hinter mir nicht auf den Bildschirm sehen (Ja, ich weiss, ich könnte Spiegelfolie über meinen Screen kleben, bin aber zu faul).

Penis-Bilder und Fake-Profile

Dabei wären diese Plattformen ja eine wunderbare Sache. Dank ihnen muss ich nicht in eine der Schwulenbars, wo sich eh immer dieselben Leute tummeln. Und ich muss nicht an Gay-Partys, wo immer Britney Spears und Rihanna läuft. Mit den Apps könnte ich ganz einfach Typen anschreiben und mich mit ihnen in einem hübschen Café verabreden.

Das Dumme nur: So funktionierts meist nicht! Die erste Nachricht ist nicht selten ein Penis-Bild oder ein nackter Oberkörper ohne Kopf. Typen wollen mich direkt zu sich nach Hause bestellen, weil sie ach so müde von der Arbeit sind. Home-Delivery-Sex, ohne auch nur nach dem Namen zu fragen.

Und da gibt es all die Fake-Profile. Männer klauen Bilder von anderen, um ein attraktives Profil zu erstellen. Dahinter komme ich erst, wenn sich der Lügner mit mir trifft und seine Masche beichtet, oder wenn ich das originale Profil per Zufall finde. Und da sind auch jene, die extrem auf Diskretion bestehen, kein einziges Bild zeigen und ein wahrhaftiges Blind Date wollen. Als ob ich Lust auf die Katze im Sack hätte.

Dating-Apps machen süchtig

Und dann das lange Hin und Her, bis es doch noch zu einem Treffen kommt! In der Wartezeit mache ich mir automatisch ein Bild vom anderen. Und dieses entspricht dann nur selten der Realität. Es folgt ein Anstands-Kaffee während 30 Minuten, bis ich mich enttäuscht wieder verabschiede.

Aber sie machen eben auch süchtig, diese verdammten Apps. Je länger ich sie auf meinem Gerät habe, desto intensiver benutze ich sie. Am Morgen schaue ich zu allererst nach, ob der tolle Typ gestern doch noch geschrieben hat, nachdem ich schlafen ging. In der Mittagspause klicke ich drauf, abends im Restaurant, nachts in den Clubs. Mein Traummann könnte ja genau in diesem Moment online sein!

War er noch nie. Die grossen Würfe haben mir die Plattformen noch nie ermöglicht. Nach einer Weile setzt dann der Frust ein. Wenn er ein gewisses Ausmass erreicht hat, lösche ich die Apps einfach wieder. Für eine Weile.