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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ich mag nicht mehr auf die Ehe warten

Die Schweiz entpuppt sich immer mehr als Schlusslicht in Sachen Gleichstellung. Daran ist nicht nur die Gesellschaft, sondern auch massgeblich die Politik schuld. SI-online-Blogger Onur Ogul über das langsamste Parlament Europas.

Es gibt einen guten Grund, weshalb der Raum vor dem Nationalratssaal Wandelhalle heisst. Schweizer Parlamentarier bevorzugen das Wandeln dem Sprinten. Das zeichnet sich leider auch in ihrer Arbeit ab. Momentan sehen wir das an der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Die parlamentarische Initiative von GLP-Politikerin Kathrin Bertschy wurde schon vor fünf Jahren eingereicht - fünf! Knapp zwei Jahre brauchten die Rechtskommissionen, um den Vorstoss überhaupt zu behandeln. Wenigstens mit Erfolg für die Homosexuellen dieses Landes: Beide Kommissionen winkten die Initiative durch.

Schön und gut, doch damit kommt das Land dem Ziel der Gleichstellung nur ein Schrittchen näher. Der Nationalrat verlängerte die Frist für die Behandlung des Geschäfts bis zur Sommersession 2019. Das heisst, seit Einreichung der Initiative werden dann sechs Jahre vergangen sein.

Die Nachbarn machens vor

Gar grosszügig finden sich einige Parlamentarier, wenn sie sagen, dass Teile der Forderungen «bereits 2021» umgesetzt sein könnten. «Teile»! «Bereits» 2021! Ich empfinde dabei nur etwas: Verhöhnung.

Unsere Nachbarn Österreich (Gerichtsentscheid: 2017, in Kraft 2019), Deutschland (Parlamentsentscheid: 2017, in Kraft: ebenso) und Frankreich (Parlamentsentscheid: 2013, in Kraft: ebenso) zeigen, dass es anders geht. Bald nach den Beschlüssen von Gericht oder Parlament traten die Änderungen in Kraft. Nicht nur auf Papier! Die ersten gleichgeschlechtlichen Paare geben sich Monate (!) nach der Beschlussfassung das Jawort zu einer Ehe, die sich nicht mehr von jener der Heterosexuellen unterscheidet.

Zurecht halten viele Menschen diese Tage in den sozialen Medien kritisch fest: «Die Schweiz wartet immer noch». Auch Prominente schlossen sich dem Appell nach Beschleunigung des Prozesses an. Etwa Musiker Nemo, 19.

Das engagierte VIP-Lesbenpaar Tamy Glauser, 33, und Dominique Rinderknecht, 28, machen selbstverständlich auch mit:

Lanciert hat die Aktion Operation Libero. Eine Bewegung, die schon seit Längerem die Politlandschaft der Schweiz aufmischt. Sie sammelt Unterschriften für eine Online-Petition, um den Politikern Feuer unter dem Hintern zu machen. 30'000 sind angepeilt, es fehlen nach nur wenigen Tagen nur noch ein paar Hundert. Ich wünschte, der jugendliche Elan der Operation Libero würde auf die Parlamentarier in Bern abfärben.

Heute tagt die zuständige Nationalratskomission, um das weitere Vorgehen zu bestimmen. Kommuniziert wird voraussichtlich um 17.00 Uhr. Warum ich diesen Blog voller Frust schon vorher publiziere? Weil ich nicht mehr warten mag.