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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ich will das Volk nicht fragen, ob ich heiraten darf

Die Politiker kommen nicht mehr drumrum: Auch in der Schweiz müssen sie sich nun entscheiden, ob sie die Ehe für Homosexuelle öffnen wollen. SI-online-Blogger Onur Ogul findet es einen Affront, dass er für eine Hochzeit überhaupt um Erlaubnis fragen muss.

«Sollen Tamynique heiraten dürfen?» Mit dieser Frage konfrontiert die SRF-«Arena» heute Abend Politiker, Interessensvertreter und viele Fernsehzuschauer. Mit «Tamynique» sind Topmodel Tamy Glauser, 33, und Ex-Miss-Schweiz Dominique Rinderknecht, 28, gemeint, das bekannteste Lesbenpaar der Schweiz. Dass wir die Schweizerinnen und Schweizer überhaupt fragen müssen, ob die beiden heiraten dürfen, ist nicht akzeptabel.

Ich bin es wirklich leid, dass wir das Thema immer noch diskutieren. Noch immer müssen wir um dieselben Rechte kämpfen, die heterosexuelle Eheleute geniessen. Währenddessen lassen rund um die Schweiz herum europäische Staaten die Grenze zwischen eingetragener Partnerschaft und vollwertiger Ehe fallen. 18 sind es an der Zahl. Darunter auch Frankreich, Deutschland und Österreich (ab 2019), unsere direkten Nachbarn.

Knackpunkt 1: Direkte Demokratie

Es gibt zwei Gründe, warum die Schweiz mit der Gleichstellung so lange zögert: Das Adoptionsrecht und die direkte Demokratie. Wir sind immer wieder stolz darauf, dass das Volk in der Schweiz bei Verfassungs- und Gesetzesänderungen das letzte Wort hat. Doch ist das wirklich gerechtfertigt, wenn es darum geht, Diskriminierungen aufzuheben? Denn das sollte ganz selbstverständlich mit Bezug auf die Menschenrechte geschehen, ohne dass eine Mehrheit den Segen dafür erteilt. Logischerweise entsteht Diskriminierung ja nur, wenn eine Mehrheit eine Minderheit unterdrückt. Oder die Mächtigen die Schwachen. Wir kennen das aus unserer Geschichte: Die Schweiz erteilte Frauen das Stimm- und Wahlrecht erst 1971. Und was sagen wir heute darüber? «Schande!»

Knackpunkt 2: Das Adoptionsrecht

Die Knacknuss Adoption bereitet vielen Magenschmerzen. Selbst offene, homofreundliche Mitmenschen sagen mir: «Gleichberechtigung ist ja logisch... aber Kinder Aufziehen ist ein No-Go.» Die Begründung ist immer dieselbe. «Ich tue mich einfach schwer damit...» Und es ginge um das Kindeswohl. Das meinte auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, 63, 2013 in der WahlarenaDa mögen noch so viele Studien kommen, die beweisen, dass es Kindern in Regenbogenfamilien gleich gut geht wie bei heterosexuellen Eltern. Was zählt, ist offenbar das Bauchgefühl der Entscheidungsträger im Staat.

Eine leicht dosierte Magentablette haben die Politiker eingenommen, als sie die Stiefkindadoption durchwinkten. Ich dürfte seit Anfang diesen Jahres also das Kind meines Partners adoptieren, sofern ich dafür alle sonstigen Bedingungen erfülle. Doch mit meinem Partner eine Vollwaise zu adoptieren, liegt nicht drin. Total inkonsequent! Es geht noch absurder: Die Adoption als Einzelperson ist erlaubt. Sobald sich zwei fürsorgliche Männer oder Frauen um ein Kind kümmern und gemeinschaftlich auch die Rechte und Pflichten übernehmen wollen, kommen aber wieder die Magenschmerzen auf. Eine seltsame Unverträglichkeit.

Das bis heute in der Schweiz gültige Partnerschaftsgesetz durchzubringen, war 2005 wohl wirklich nur möglich, weil die Adoption damals ausgeschlossen war. Die Konsequenz ist, dass 2018 Lesben- und Schwulenpaare immer noch darum betteln müssen, dass ihnen endlich ein Recht gewährt wird, welches ihnen aufgrund des Diskriminierungsverbots schon von Anfang an zugestanden hätte. Das hat nichts mit gesunder Demokratie zu tun, das ist einfach nur ein Affront. Die Frist läuft langsam ab, damit wir am Schluss nicht wieder dastehen und «Schande!» über uns schimpfen müssen.