1. Home
  2. Blogs
  3. Voll schwul!
  4. Blog «Voll schwul!» – Türkei: Das Land der abgeschnittenen Köpfe

Voll schwul!

Im Land der abgeschnittenen Köpfe

Die Sommerferien verbringt SI-online-Blogger Onur Ogul gerne in seiner zweiten Heimat, der Türkei. Seine dortigen Begegnungen mit Schwulen stimmen ihn immer wieder traurig.

Mann Badehose Strand
Getty Images/Juice Images RF

Das Meer blau wie Prinz Harrys Augen, das Essen scharf wie Ricardo Rodriguez' Undercut und die Sonne heiss wie Tarkans Hüftschwung. Die Türkei ist einfach ein klasse Ferienort.

So berauscht ich als Halbtürke von meiner zweiten Heimat auch sein kann, etwas holt mich jeweils wieder auf den Boden der Realität zurück: Dates mit Einheimischen. Und dieses Jahr kam die Ernüchterung sogar noch vor dem ersten Treffen. Denn als ich in der Türkei zum ersten Mal in diesem Jahr meine Tinder-App öffne, erscheint eine Warnmeldung:

Tinder Tuerkei LGBT

Automatische Meldung auf Tinder, wenn man gleichgeschlechtliche Partner sucht und sich in der Türkei anmeldet.

Screenshot

Die App habe registriert, dass ich mich an einem Ort befinde, wo LGBTQ-Angehörige verfolgt werden könnten. «Wir möchten, dass du Spass hast, aber deine Sicherheit ist unsere Priorität Nummer Eins.» Ich solle besonders vorsichtig sein beim Matchen und beim Treffen mit Menschen, die ich nicht kenne. Dann bietet mir Tinder an, mich gar nicht erst in der Türkei anzuzeigen oder fortzufahren. Ich entscheide mich, das Risiko einzugehen.

Ganz ungefährlich ist es nämlich wirklich nicht. So modern sich die Türkei zu geben versucht, in der Kultur haben Homosexuelle nur einen Platz am Rand. Solange sie auf Bühnen und am TV auftreten, macht niemand einen Aufstand. Doch im eigenen sozialen Umfeld sind sie selten erwünscht.

Vom Staat tolerierte Gewalt und Diskriminierung machen Homo- und Transsexuellen das Leben schwer. Im jährlichen ILGA-Ranking, das Länder auf ihre LGBT-Freundlichkeit prüft, belegt die Türkei den zweitletzten Platz. Einziger Trost: Homosexuelle Handlungen sind im Gesetz nicht explizit verboten.

Oberkörper und Beine überall

In Izmir, der drittgrössten Stadt des Landes, finde ich hauptsächlich kopflose Profile in Dating-Apps. Auf manchen Bildern sind nur nackte Beine zu sehen, auf anderen Ausschnitte von Brust bis Nase. Nackte Oberkörper jeglicher Fitness und Behaarung sind natürlich auch darunter. Etwa drei Viertel der Profile sind in dieser Art anonymisiert.

Die Nachrichten der Einheimischen haben ein offensichtliches Ziel: Schnelle Sexdates.

X: «Hallo»
Ich: «Hi»
X: «Rolle?»

Es bürgerte sich sogar eine alles zusammenfassende Schreibweise ein, um den passenden Sexpartner mit nur einer Nachricht zu finden:

Y: «Hi. 36 175 70, ich bin aktiv, bin besuchbar.»

Alter, Körpergrösse, Gewicht, Rolle im Bett, Wohnsituation. Fotos hat Y aber keine im Profil.

Wenig Hoffnung auf feste Beziehungen

So lieblos und sec wie die Nachrichten, waren auch manche Treffen. Gerede ist nicht wirklich erwünscht, die Dates finden direkt im Zuhause desjenigen statt, der gerade alleine zu Hause ist. Ich kann mich erinnern, dass ein solcher «Gastgeber» mal direkt von der Türklinke zurück ins Bett eilte. Noch schneller war dann der Akt.

Es braucht Geduld und Energie, um jene zu finden, die in diesem homofeindlichen Land den letzten Funken Romantik noch nicht verloren haben. Doch selbst viele von ihnen glauben nicht an ein dereinst glückliches Leben mit einem festen Partner. Weder am Arbeitsplatz noch im Familienverbund könnten sie ein mit der Kultur vereinbares Liebesleben führen, so ihre leider berechtigte Sorge.

Der Extremfall war vielleicht Z, den ich in einem Istanbuler Gayclub getroffen habe. Er war erfrischend charmant, lustig und offensichtlich sehr angetan von mir. Am nächsten Morgen zusammen aufgewacht, erklärt er mir, er sei Angehöriger des Militärs in Erzurum – einer Stadt im konservativen Osten des Landes! Z und ein Freund kommen regelmässig für Partynächte nach Istanbul, leben dort ihre Triebe aus und kehren dann zurück in ihr «normales», heterosexuelles Leben als Soldaten. Das Versteckspiel ist die Folge eines dramatischen Zwischenfalls. Der Vater und Bruder von Z sollen ihn verprügelt haben, als ihnen Gerüchte zu Ohren kamen, dass er sich auch für Männer interessierte. Danach entschied sich Z, nur noch so lange mit seinen Partynächten in Istanbul weiterzumachen, bis er eine Frau heiratet. Ich habe ihn nie mehr wieder gesehen oder gehört.

Es ist eben doch nicht so kopflos, in der Türkei seinen Kopf in Dating-Apps abzuschneiden.

Von Onur Ogul am 6. September 2019