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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Komische Typen sind nicht automatisch schwul

Immer wieder kommt bei Männern, die irgendetwas Seltsames an sich haben, der Verdacht auf, sie könnten homosexuell sein. Das ärgert SI-online-Blogger Onur Ogul.

Es ist unglaublich, wie schnell jemand in der schwulen Schublade landet. Aktuellstes Beispiel: Kandidat Raphy bei «Die Bachelorette». Ein Mann, der sich von Anfang an von den anderen Kandidaten abhob.

Während seine Konkurrenten muskulös, braungebrannt, bärtig, die meisten sehr gepflegt sind, gross und breit gebaut, stach Raphy mit seiner Erscheinung heraus. Der 27-Jährige hat schmale Schultern, ist schmächtig. Die blasse Haut leuchtet nach ein paar Sonnenstunden knallrot. Die eher ungewöhnliche Sidecut-Frisur ziert wie eine Krone den Freak-König unter den Gladiatoren-Verschnitten.

Galerie: Die Bachelorette-Kandidaten

Wenn die Muskelprotze einstudierte Proll-Witze aufsagten, stellte Raphy der Bachelorette philosophische Fragen. In einem Meer von Fitnessschweiss und Testosteron fällt ein sensibler, aussergewöhnlicher Sprenzel auf der Insel der Kuriositäten halt auf.

Raphael Kandidat Bachelorette 2018
© 3Plus

Kandidat Raphy hebt sich vom Rest nur schon äusserlich ab.

Doch statt über ihn zu sagen, er sei speziell, komisch oder ein Sensibelchen, griffen die meisten Leute direkt zum Schwulen-Stempel. Gar Transgender soll Raphy sein, mutmassten andere.

Das festgefahrene Bild des Hetero-Mannes

Grundlage: Die Zuschauer konnten einfach nix mit dem Typen anfangen, ihn nirgendwo unterbringen. Die Homo-Schubladisierung kommt für mich nicht überraschend. Ich sehe diesen Reflex  immer wieder, wenn es um Männer geht, die man nicht so recht einschätzen kann.

  • Mit 40 noch nie eine Freundin an der Seite präsentiert?
  • Hohe, sanfte Stimme?
  • Ausgeprägtes Interesse an Popmusik, Klatsch und Tratsch oder Mode?
  • Zierliche Figur?
  • Äusserst sensibel bis weinerlich?
  • Dem Aussehen mit Kosmetik, Pinzette oder Operation nachgeholfen?

Seltsam. Ab in die schwule Schublade!

Es ist ja ohnehin schon mühsam, dass es immer noch Menschen gibt, die Männer mit dem «Homo-Vorwurf» eins auswischen wollen. Aber was mich genauso ärgert, ist das festgefahrene Bild von heterosexuellen und homosexuellen Männern. Heteros sind krass, Homos aus Glas. Dabei haben Grad der Sensibilität und Aussehen nichts unmittelbar mit der Sexualität zu tun.

Wer sich desillusionieren lassen will, muss sich die Mühe machen und sich aus seiner Blase herausbegeben. Dort findet man ziemlich schnell einmal Männer wie Bachelorette-Raphy, die heterosexuell sind. Und mindestens so viele schwule Männer, die genau so sind wie die restlichen Kandidaten.

(Ps. Raphy ging in der letzten Folge freiwillig aus der Sendung - weil ers einem Mann versprochen hatte. Als einer seiner Konkurrenten ihn deswegen in die Schwulenecke stellte, haben wir mit Raphy darüber gesprochen. Den Artikel findet ihr hier.)