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Voll schwul!

Lasst Jungs doch einfach «Mädchendinge» tun!

In seiner Jugend wurde SI-online-Blogger Onur Ogul für seine zierliche Art gehänselt. Heute fragt er sich, wann und wie er sich «männlicher» getrimmt hat – und wieso?

Junge Fee
Getty Images

Kinder können grausam sein. Glücklicherweise bin ich nur wenigen der ganz üblen Sorte begegnet. Denn ich war ein klassisches Mobbing-Opfer.

Als Kind hatte ich ein Verhalten, das sehr weiblich anmutete. Gang, Gestik und Sprache verleiteten den einen oder anderen zu fiesen Seitenhieben.

Ich war ein sehr filigraner Bub, stets anständig und lustig. Keine Prügeleien, keine kaputten Fensterscheiben, meist sass ich zu Hause, während meine Altersgenossen draussen irgendwo herumtollten. Manche äfften mich nach, sagten, ich sei ein Mädchen. Immerhin hing ich ständig mit Mädels herum, sowohl in der Schule als auch in der Freizeit. Ich war oft der einzige Junge an einem Mädchengeburtstag.

Ich liebte Sailor Moon, hasste Fussball, besuchte freiwillig das textile Werken und den Kochkurs in der Schule und war stets neidisch auf die tollen Kleider und Schminke meiner Freundinnen.

Trotzdem leuchtete mir nie ein, weshalb man mich deswegen hänselte. Nur, weil meine Freundinnen Mädchen sind und ich dieselben Dinge mag wie sie, bin ich doch selbst keine Frau!? Die Anspielungen ärgerten mich natürlich, denn ich war ein Junge und wollte nichts anderes sein. Mein Glück war es, dass ich bei der Mehrheit sehr beliebt war. Doch hätte ich diesen Rückhalt nicht gehabt, was hätte ich überhaupt tun sollen?

Heute mit 31 Jahren ist mein Auftreten anders, nicht nur wegen des dichten Barts. Klar, ich bin kein Klischee-Macho, aber auch nicht mehr so zierlich wie früher. Bisher nahm ich einfach an, dass meine weiblichen Züge ganz automatisch nach der Jugendzeit verblassten (ganz weg sind sie nicht). Doch nach einer Unterhaltung mit einem guten Freund kürzlich glaube ich nicht mehr so sehr an einen ganz natürlichen Wandel.

Stimme, Handgelenk, Beine

Er, um die 30, schwul und Serbe, erzählte mir, wie gerne er als Kind «Mädchendinge» gemacht hatte. Er verkleidete sich, spielte Videoclips von Sängerinnen nach, war ein Barbie-Fan, vermeintliche Mädchendinge schienen für ihn einfach eine tolle Sache. Nicht so toll war diese Vorliebe für das Leben in seinem Quartier. Er sei mit vielen Südländern aufgewachsen, die nicht auf einen Buben mit Pyjama-Hosen (seine «Perücke») auf dem Kopf gewartet hätten.

Mein Freund übte vor dem Spiegel, sein natürliches Verhalten zu unterdrücken. Beim Gang die Schultern breit, zwischen Armen und Körper einen Zwischenraum lassen, beim Sprechen immer zig Töne weiter unten ansetzen, Beine nicht überschlagen, die verdammten Hände – insbesondere das Handgelenk – unter Kontrolle bringen.

Weg mit dem Männlich-Weiblich-Schema!

Da erkannte ich mich schon in einigen Dingen wieder. Ich setze seit Längerem ganz selbstverständlich meine Stimme beim Beginn eines Telefongesprächs tiefer an. Ergebnis: Niemand begrüsst mich mehr mit «Grüezi, Fräulein», wie das früher der Fall war. Beim Gang durch die Stadt oder durch einen Hetero-Club achte auch ich mich auf meinen Gang. Ich kann gar nicht sagen, was ich anders mache, aber ich gehe definitiv anders, bewusster. Ich kann mich nicht daran erinnern, einmal einen bewussten Entscheid für solche Anpassungen getroffen zu haben. Doch nach der Unterhaltung mit meinem Freund zweifle ich daran, dass dahinter gar kein «Training» steckt. Kann es sein, dass ich das Mädchen in mir aus Selbstschutz unterdrücke?

Eigentlich eine total unnötige Übung! Sowohl mein guter Freund als auch ich sind seit Langem offen lebende Schwule, die sich sogar auf irgendeine Weise für die LGBT-Community engagieren. Wir müssen nichts verstecken, könnten also ganz natürlich sein. Trotzdem wollen wir nicht mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht werden. Ich kann es etwa nicht ausstehen, wenn zu irgendeinem Anlass Männer- und Frauengruppen gemacht werden und man mich den Damen zuteilt – Schwule sind keine Frauen!

Dabei wäre es längst an der Zeit, das Problem von der richtigen Seite her anzupacken. Das viel zu einfache Männlich-Weiblich-Schema, in dem wir leben, muss aufgelöst werden. Damit sich jeder, der sich zwischen diesen beiden Polen befindet, in seiner natürlichen Art entfalten kann. Damit kein Bub mit Pyjama-Hosen auf dem Kopf jemals wieder daran zweifeln muss, ob er wirklich ein normaler Junge ist.

Von Onur Ogul am 13. September 2019