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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Lieber glückliches Entlein als frustrierter Schwan

Wenn es etwas gibt, das SI-online-Blogger Onur Ogul in Rage bringt, dann ist es der Schönheitswahn. Unter den Schwulen grassiert der besonders heftig. Es ist Zeit, den Makeln unsere Liebe zu erklären!

Aus irgendwelchen psychologisch-komplexen Gründen haben Schwule besonders viel Mühe mit ihrem Aussehen. Abstehende Ohren: «Schrecklich!» Hakennase: «Unmöglich!» Kein flacher Bauch: «Todsünde!»

Homosexuelle kennen, was ihr Aussehen angeht, keine Gnade. Dass sie häufiger von Essstörungen betroffen sind als heterosexuelle Männer, ist längst wissenschaftlich bewiesen.

Der Druck ist in der Jugendzeit besonders hoch. Aus ihrer Not heraus verändern viele im Erwachsenenalter dann ihr Aussehen. Ob auf gesunde oder ungesunde Weise, aus eigener Kraft oder mittels Schönheits-OPs. Dafür leiden sie danach am «Hässlichen-Entlein-Syndrom».

Okay, das ist nichts Wissenschaftliches, sondern meine Erfindung. Aber sie macht Sinn: Wer sich früher hässlich fand und heute dem männlichen Schönheitsideal entspricht, droht ein arroganter Schwan zu werden. Am schlimmsten sind jene, die ihren Körper mit Sport in Form brachten: «Ich habs aus eigener Kraft geschafft, wieso kriegst dus nicht hin?», lautet ihre Botschaft. Jaja, schon gut.

Auch ich war ein hässliches Entlein. Als kleines Kind war ich so mager, dass mich meine türkische Verwandtschaft gerne mästete. Wohlernährte Menschen im Westen haben schliesslich etwas auf den Rippen. Nur leider schossen meine Tanten und Grosstanten übers Ziel hinaus: Im Teenager-Alter wurde ich leicht übergewichtig. Dazu kam, dass ich der uneitelste Teenie weit und breit war. Die Haare im Wildwuchs und die Kleider vom Mami aus dem «Quelle»-Katalog bestellt (inkl. Tribal-Aufdruck).

Erst, als ich begann, in die Schwulenszene zu gehen, kamen die Komplexe. Auch diesen Zusammenhang konnten Forscher der University of Columbia übrigens nachweisen. Ich begann jede mögliche Art von Diät. Ich wurde damit zwar dünner, aber nie so wie die Typen in der Werbung. Diese sind muskulös und unbehaart. Also das Gegenteil von mir.

Um mir ein Sixpack anzutrainieren, war ich schlichtweg zu faul. Das heisst, ich fühlte mich trotz verlorenen Kilos immer noch hässlich. Alle Misserfolge bei Männern schob ich fortan auf meine Figur. Das schlug extrem auf mein Selbstbewusstsein, machte mich unsicher und dadurch unscheinbar und seltsam.

Heute bin ich schön. Aber nicht, weil ich zum Schwan mutiert bin. Mein Bauch ist immer noch da. Statt mein Äusseres weiterhin verändern zu wollen, passte ich meine Einstellung an. Über lange Zeit bläute ich mir immer und immer wieder ein, dass ich so, wie ich aussehe, attraktiv bin. Ich redete laut vor dem Spiegel mit mir und lobte meine Makel. Das hat nichts mit Selbstlüge zu tun. Denn erst, als ich mich selbst schön fand, merkte ich, wie viele andere es auch taten.

Das brauchte viel Überwindung, da ich solche Praktiken selbst lange als unnützes Eso-Zeugs abtat. Aber es war das einzig Richtige. Heute halte ich es nicht mehr aus, wenn sich Mitmenschen quälen, um sich ins Mainstream-Schönheitsideal hineinzuzwängen.

Die Macht von Werbung, Film und Porno ist extrem stark. Es braucht laufend Energie, um sich ihr zu entziehen. Und ich weiss heute auch, dass alle Schwäne, die da draussen herumstolzieren, sich bis nie perfekt fühlen werden. Weil das Schönheitsideal im realen Leben einfach nie zu erreichen ist. Ich bin lieber ein glückliches Entlein als ein ewig frustrierter Schwan.

Hier noch der Beweis, dass Männer mit Makel toll sind:

Abstehende Ohren: Heiss, wie Will Smith, 49.

Will Smith
© Keystone

 Der Schauspieler Will Smith.

Viereckiger Kopf: Spitzbübisch süss wie Xherdan Shaqiri, 26.

Xherdan Shaqiri
© Keystone

Der Schweizer Fussballer Xherdan Shaqiri.

Unperfekte Zähne: Bezaubernd wie Breel Embolo, 21.

Breel Embolo
© Keystone

Der Schweizer Fussballer Breel Embolo.

Hakennase: Charmant wie Adrien Brody, 44.

Adrien Brody
© Keystone

Der amerikanische Schauspieler Adrien Brody.

Bauch: Kuschlig wie Kevin James, 52.

Kevin James
© Keystone

 Der amerikanische Schauspieler Kevin James.