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Voll schwul!

Millennials zwischen Homo-Himmel und -Hölle

Mit jeder Generation haben es Homosexuelle in der Schweiz einfacher. Eine Reality-TV-Serie und ein grausamer Gewaltakt zeigen SI-Online-Blogger Onur Ogul nun aber auf, wie nah Glück und Elend bei den Jungen noch beieinander liegen.

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Dean, Darsteller der Webserie «Millennials in Paradise» spricht über sein «Anders-Sein».

Blick

Schwarz lackierte Nägel, ein Tuch lässig über dem Kopf zusammengebunden, ein schwarzes, transparentes Oberteil und ganz schön viel Mut. Der 24-jährige Dean erzählt in der fünften Folge von «Millennials in Paradise», wie schwer er es einst hatte, seine feminine Seite zu akzeptieren und zu leben.

Die Webserie auf blick.ch begleitet eine Gruppe von Menschen um die 20. Sie diskutieren über verschiedenste Dinge, die sie aktuell beschäftigen. Darunter ist eben der schwule Zürcher Boutique-Mitarbeiter Dean.

Er erklärt zwei anderen Protagonisten, dass er keinesfalls immer so easy mit seiner weiblichen Seite umgegangen ist wie heute. «Ich ekelte mich vor mir selbst», gibt er im Gespräch mit seinen Freunden zu. Dean sieht sich klar als Mann, aber seine Erscheinung, sein Gebaren, stellt ihn irgendwo in die Mitte des Gender-Spektrums. «Ich hatte auch leicht depressive Phasen und versuchte, mir das Leben zu nehmen.» Und weshalb? Weil Menschen um Dean herum das Gefühl hatten, sein «Anders-Sein» betonen und vor allem bewerten zu müssen.

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Dean im Gespräch mit Luca und Davide (v. l.).

Instagram/millennialsinparadise

Knapp dem Tod entkommen

Ich bewundere Deans Mut. Ihm gelingt mit 24 Jahren, was manch gestandener Herr nicht so einfach hinkriegt: Vor laufenden Kameras über psychische Probleme zu sprechen. Doch es lohnt sich. Jedes öffentliche Gespräch hilft anderen Betroffenen, sich aktiver mit der eigenen Psyche auseinanderzusetzen.

Die Notwendigkeit von Auftritten wie Deans ist auch 2019 ungebrochen. Ein aktueller, höchst verstörender Fall von Homophobie in der Schweiz führt das wieder vor Augen. Laut eines Berichts von 20min.ch versuchte ein Vater, seinem 17-jährigen Sohn die Kehle aufzuschlitzen – weil er schwul ist! Der Jugendliche lebt heute getrennt von seiner Familie. Davongezogen hat er nicht nur sichtbare Narben.

Der selbstbewusste Dean und der zerbrechliche, irakischstämmige S. M. stammen aus derselben Generation. Aus einer, von der ich stets dachte, sie könne heute noch unbeschwerter aufwachsen als ich damals. Doch so simpel ist es eben nicht. Selbst bei all den Errungenschaften in Sachen Gleichstellung bleibt eine universelle Herausforderung: Wir wollen als das geliebt werden, was wir sind – erst recht von unseren Nächsten. Geht dieser Wunsch nicht in Erfüllung, bleiben eine baldige «Ehe für alle», ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare und die erhöhte Sichtbarkeit von Homosexuellen in den Medien bloss ein kleiner Trost.

Gut aufgehoben bei Millennials

So sehr es schmerzt, um Liebe kämpfen zu müssen, so energieraubend es auch ist, es lohnt sich durchzuhalten. Meinen persönlichen Hoffnungsschimmer sehe ich nämlich ebenfalls in «Millennials in Paradise»: Luca und Davide, 20 und 22, hören Dean aufmerksam zu und bringen viel Empathie für ihn auf. Und nein, sie kommen nicht aus einer ultra-links-hippie-regenbogenfarbenen Stadt. Sie sind einfach junge Männer aus der Deutschschweiz. Statt immer nur die heiklen und fragwürdigen Charaktereigenschaften von Millennials hervorzuheben, dürfen wir sie ruhig auch mal als Vorbilder abfeiern.

So sehr ich allen ein glückliches Familienleben wünsche, die Realität ist hart, wie der Fall von S. M. zeigt. Für all jene, deren Umfeld sich partout nicht mit Homosexualität abfinden möchte, bleiben Menschen wie Luca und Davide. Freunde, denen es scheissegal ist, mit wem du ins Bett steigst. Ihre Liebe erreicht möglicherweise nicht den Wert einer Mutter- oder einer Vaterliebe. Doch es bleibt Liebe.

Von Onur Ogul am 25.10.2019
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