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Voll schwul!

Muskel-Mobbing in Sydney

Für gesunde Ernährung und fleissiges Trainieren sollte man Menschen eigentlich bewundern. Doch in Australien hegte SI-online-Blogger Onur Ogul eigentlich nur Groll gegen Muskelmänner.

Onur Ogul Blog

Melbourne und Sydney liegen gut 700 Kilometer auseinander. Für australische Verhältnisse sind sie sich also ziemlich nah. Doch die Kultur in der jeweiligen Gayszene ist doch ziemlich unterschiedlich.

Sichtbar wird dies etwa in den Dating-Apps. Während in Melbourne viele lächelnde und angezogene Männer von ihren Profilbildern strahlen, zeigen die Typen in Sydney vor allem ihre Waschbrettbäuche. Den Kopf brauchen sie gar nicht zu zeigen, hier zählen nur Sixpacks.

In Sydneys Quartieren, wo sich die Gayszene breitmacht, läuft man gefühlt alle 50 Meter an einem Eiweiss-Pülverli-Shop vorbei. Fitnesscenter werben mit stählernen Adonis-Typen um Kunden. In Clubs tanzt immer eine Horde Fitness-Junkies oben ohne (als wäre der Raum nicht auf minus 100 Grad gekühlt). Auf der Strasse tragen sie immerhin Tanktops. Aber nur solche mit Achselausschnitten, die bis fast nach ganz unten reichen (sonst sieht man ja von der Seite nicht auf ihre Bauchmuskeln).

Eins will ich an dieser Stelle erwähnen: Glaubt man an ein Mass wie den BMI, dann bringe ich zu viel auf die Waage. Fitness mag mich nicht begeistern, weshalb ich nie so aussehen werde wie die Muskelmänner in Sydney. Für gewöhnlich ist mir das egal. Denn ich habe gelernt, mich in meiner Haut wohlzufühlen. Doch in Sydney überkam mich wieder dieses altbekannte Gefühl, nicht gut genug zu sein.

Manchen dürfte mein Abwettern gegen Sixpack-Typen wie Neid vorkommen. Natürlich gebe ich zu, es wäre toll, auszusehen wie ein Unterwäschemodel. Auch ich kann mich dem allgemeinen Schönheitsbild nicht entziehen und finde Cristiano Ronaldo sowie David Beckham heiss. Meine Kritik gründet aber nicht in Neid. Vielmehr mache ich Männer, die den Körperkult derart übertrieben ausleben, dafür verantwortlich, dass sich abertausende von Schwulen nicht als schön genug empfinden und deswegen leiden.

«Only fit»

Es sind ja nicht nur die Fotos oder die tanzenden Horden in den Clubs. In Dating-Apps schreiben manche in ihr Profil «only fit», «fit for fit» oder «only muscled». Das geht zu weit. Kein Wunder, haben Schwule häufiger psychische Probleme wegen ihres Aussehens als heterosexuelle Männer.

Was mich besonders ärgert: Bei den unsensiblen Gewichtsstemmern handelt es sich lediglich um eine Untergruppe. So wie es schwarze Schafe in allen Bevölkerungsgruppen gibt. Und trotzdem schaffen sie es, dass selbstbewusste Männer wie ich in ihrer Gegenwart ein beklemmendes Gefühl bekommen. In Sydney habe ich das extremer erlebt als anderswo.

Von Onur Ogul am 4. Januar 2019