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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Muss ich froh sein, nur beschimpft zu werden?

Gewalt an Schwulen, verbal oder physisch, betrifft auch Männer in der Schweiz. Blogger Onur Ogul hat nur einmal einen Zwischenfall erlebt. Doch er prägt bis heute.

Meine Freunde in der Türkei und auf dem Balkan beneiden mich: «Du hast ein so grosses Glück, dass du in der Schweiz lebst. Da bist du frei», sagen sie immer wieder. Sie haben natürlich recht. Als schwuler Mann habe ich in der Schweiz Freiheiten, von denen Männer in den Balkanländern und im Nahen Osten nur träumen können.

Der Vergleich täuscht aber. Die Schweiz ist längst nicht ein Land des ewigen Regenbogens.

Dazu ein Erlebnis, das bestimmt schon zehn Jahre her ist, mich aber immer noch verfolgt: Ich besuchte einen Typen, mit dem es ernster zu werden schien. Zum ersten Mal in meinem Leben war jemand in mich verliebt!

Herausforderung Händchenhalten

Wir, damals beide um die 20 Jahre alt, spazieren an jenem Abend durch die Stadt Bern. In einem Anflug von Romantik greift er nach meiner Hand. Moment mal: Das müsste mich doch rühren, mir Freude bereiten, meine Hormone zum Sprudeln bringen? Aber alles, was ich verspüre, ist ein unglaublich unangenehmes Gefühl.

Um ihn nicht zu beleidigen, mache ich mit. Ich schaue mich aber dauernd nervös in der Gegend um. Als wir an einem Restaurant vorbeigehen, passiert es: Ein nicht viel älterer Mann ruft uns «Schwuchteln!» zu, die Leute an seinem Tisch lachen.

Ich lasse die Hand sofort los und laufe schnell weiter. In der Brust wird es ganz eng, ich kann nicht mehr richtig atmen, es scheint, als würde mein Herz zerquetscht. Immer, wenn ich die Geschichte erzähle, kommen die Gefühle wieder hoch.

Auch Beschimpfungen sind zu viel

«Banal», würden meine Freunde aus dem Balkan sagen. Immerhin droht ihnen täglich viel rohere Gewalt als Worte. Doch für mich hatte der Vorfall dennoch Folgen: Seither habe ich mich nie mehr getraut, auf der Strasse einen Mann zu küssen oder seine Hand zu halten. Das ist vielleicht im Vergleich ein kleiner Einschnitt in meine Freiheit. Aber auch diesen dürfte es nicht geben.

Dass erst kürzlich wieder ein Schwuler an der Fasnacht im Aargau verprügelt wurde, hilft auch nicht, mutiger zu werden. Und das ist längst nicht der einzige Fall von homophober Gewalt in der Schweiz. Doch da die Behörden keine offiziellen Zahlen dazu erheben, bleibt das Ausmass im Dunkeln. Studien zeigen jedenfalls, dass die Gewalt gegen Homosexuelle in der Schweiz und in Deutschland zunimmt.

Auch wenn ich mich hier sicher fühle und wegen Einzelfällen nicht gleich in Panik gerate: Ich will nie glauben müssen, ich hätte mit meinem Vorfall vor zehn Jahren noch einmal Glück gehabt. Auch einen wie diesen darf es nicht geben!

Was soll der Schwulenhass?

Ich frage mich einfach: Was habt ihr Hinterwäldler davon, wenn ihr euch an Schwulen vergreift? Sei es verbal oder handgreiflich. Was für ein Gefühl gibt euch das? Beweist ihr euch selbst, wie Hetero ihr seid? Gibts da einen geheimen Hetero-Wächter, der euch immer auf die Schulter klopft, wenn ihr etwas gegen Schwule sagt? Ich verstehe es einfach nicht.

Was meint ihr, liebe Leserinnen und Leser? Eure Meinung in die Kommentarspalte: