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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Ohne Outing kein Date

Verkappte Schwule datet SI-online-Blogger Onur Ogul aus Prinzip nicht. Diese Entscheidung können nicht alle nachvollziehen. Ein Erklärungsversuch.

Der sonntagmorgendliche Regen, der gegen die Scheiben prasselt, trommelt schwule Singles in den Krieg. In die Schlacht des Online-Datings.

Mit einem Kater in das grell leuchtende Smartphone zu schauen, ist dabei die kleinste Herausforderung. Schwule Singles in der Stadt Zürich haben mit ganz anderen Unbequemlichkeiten zu kämpfen, wenn sie Tinder, Grindr und Co. öffnen.

Anonyme Profile: Ganz schwierig

Unter den nicht einmal 500'000 Einwohnern gibt es nicht massenweise schwule Männer, die man kennenlernen könnte. «Den kenne ich schon, den will ich nicht kennen, den kenne ich und wünschte, es wär nicht so, der hatte was mit meinem besten Freund...» und so weiter. Für ein spontanes Treffen in einer anderen Stadt bin ich dann doch einfach zu faul.

An einem solchen Sonntag schreibt mir ein Profil mit kopflosem Bild. Anonymen antworte ich üblicherweise nicht. Doch der Unbekannte schickt mir von sich aus ein Bild, das mein Herz mehr erwärmt, als es die Sonne an diesem Tag hätte tun können. Was für ein Mann! Gross, braungebrannt, orientalischer Touch, in meinem Alter, alles passt!

Tourist, Escort oder Faker?

Aber Vorsicht! Es gibt für gewöhnlich drei Szenarien, wie das enden könnte: Das ist ein Tourist auf der Durchreise und nicht für etwas Festes geeignet. Das ist ein Escort, der nur für ein paar Tage hier ist, um gutes Geld zu verdienen. Oder das ist ein Fake-Profil mit dem Bild eines libanesischen Telenovela-Stars.

Ein kurzer Chat gibt Entwarnung für das Touristen- und Escort-Szenario. Doch wie siehts aus mit dem Fake-Risiko? Der Typ will mir weder seine Nummer noch seinen Instagram- oder Snapchat-Namen geben. «Ich bin diskret», schreibt er – und spült damit all meine Hoffnungen die Dachrinne runter.

«Diskret» heisst nicht unbedingt, dass er fake ist. Doch meistens kommt das Wort von Männern, die nicht geoutet sind. Vielleicht hat er zu Hause sogar eine Ehefrau und – noch schlimmer – Kinder.

Sie schämen sich nicht für sich - für mich!

Schon seit vielen Jahren treffe ich mich grundsätzlich nicht mehr mit ungeouteten Männern. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass das viel zu kompliziert wird. Ein Beispiel: Ein Mann erklärt sich (wenn auch nur widerwillig) bereit, mit mir durch die Stadt zu spazieren. Doch als ich einen Bekannten begrüsste, wechselte mein Date einfach die Strassenseite, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Mein Bekannter sollte nicht merken, dass der Typ mit mir unterwegs war. So passiert!

Völlig perplex bin ich immer wieder, wenn mich Männer vor dem Date fragen, ob ich «feminin» sei. Sie würden sich nicht mit «zu schwulen» Männern in der Öffentlichkeit zeigen wollen.

Das alles ist nicht nur entwürdigend, es nimmt mir schlichtweg jegliche Lust, den Menschen näher kennenzulernen. Was hätte ich schon an einem ungeouteten Partner? Er will meine Freunde und meine Eltern nicht kennenlernen, er geht nicht mit mir aus, und jedes gemeinsame Foto müsste unter Verschluss bleiben.

 

Nun finden einige meiner Freunde, ich sei da zu hart. Immerhin sei ein Outing schwer und jeder müsse für sich entscheiden, wann er sich offenbaren möchte. In den Menschen könnte man sich aber trotzdem verlieben, so die Kritik.

Verständnis nur bis in ein gewisses Alter

Ich sehe das anders. Outings sorgen für einen offeneren Umgang mit Homosexualität. Werden Heteros nicht mit uns konfrontiert, können sie uns nicht kennenlernen. Für gewöhnlich versteckt man nur Dinge, für die man sich schämt. Wenn Schwule und Lesben ihre eigene Sexualität verstecken, stellen sie sich selbst ins Abseits.

Ich sage nicht, dass Ungeoutete keine Hilfe, keine Freundschaft, keine Liebe verdienen. Natürlich braucht es für ein Outing den idealen Zeitpunkt und psychische Stabilität. Dabei kann das Umfeld unterstützen. Wer sich dem aber bis in seine 30er konsequent verschliesst, der wird mir nie imponieren können.

Deshalb klicke ich bei diesem wunderschönen, starken, aber leider verkappten Schwulen auf «Block», schliesse meine Dating-App und kapituliere für den Rest des Sonntags im Kampf um ein spannendes Date.