1. Home
  2. Blogs
  3. Voll schwul!
  4. Blog «Voll schwul!» – PrEP: Wunderwaffe gegen HIV mit Tücken

Voll schwul!

PrEP: Wunderwaffe gegen HIV mit Tücken

Das neuste Mittel gegen die Verbreitung von HIV hat die Form einer Pille und heisst PrEP. Das Medikament bringt aber auch viele Nachteile mit sich.

Truvada Medikament

Truvada und dessen Generika dienen als Prophylaxe-Medikament gegen HIV-Ansteckungen.

MCT / Getty Images

Ihr dachtet, ihr wüsstet, wie ein Steckbrief aussieht? Dann schmeisst eure Erfahrung für die Lesedauer dieses Blogs über den Haufen und schaut, wie Schwule das in Dating-Apps tun. Hier zur Veranschaulichung ein total zufällig ausgewählter und anonymisierter Steckbrief von einem Grindr-Nutzer:

Profil Beispiel Grindr

Als Cis-Mann/Cis-Frau werden diejenigen bezeichnet, deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Top bezeichnet Männer, die beim Sex die aktive Rolle übernehmen. Geek = Nerd. Jock = Sportlich bis muskulös. 

Screenshot

Oder hier ein ausführlicher Steckbrief aus Planetromeo:

Profil Beispiel Planetromeo

Auf Planetromeo können Nutzer bis weit ins Detail gehen, was ihre Vorlieben betrifft.

Screenshot

Bevor jemand auf die Idee kommt: Die sind natürlich beide nicht von mir.

Die Einträge, die mich in diesem Blog interessieren, figurieren zwar zuunterst auf der Liste. Sie bergen aber ein kontroverses Thema.

Unter «HIV-Status» steht bei beiden gezeigten Beispielen «PrEP». Das steht für Prä-Expositions-Prophylaxe. Diese Person gibt also an, präventiv ein Medikament einzunehmen, um eine Ansteckung mit HIV zu verhindern. Mehrere Studien konnten zeigen, dass das Risiko bei korrekter Einnahme um 99 Prozent sinkt. Der Schutz liegt also ähnlich hoch wie bei der Verwendung von Kondomen. Die Einnahme von PrEP sollte nur unter regelmässiger ärztlicher Überwachung geschehen.

Die Schwulenwelt jubelte, als PrEP endlich aufkam. Denn die Verwendung von Kondomen ist zwar äusserst sicher, aber mit der Lust auf Pariser ist es ja so eine Sache. Damit in der Hitze des Gefechts, bei Sex unter Alkohol- oder Drogeneinfluss oder bei per se nicht-safen Praktiken (z. B. gewisse Fetische) nichts schiefgeht, setzen inzwischen immer mehr ihr Vertrauen in eine Pille, die sie einfach täglich einnehmen müssen.

Andere Geschlechtskrankheiten florieren

Seit einigen Wochen lebe ich in Berlin. Hier ist mir aufgefallen, dass PrEP schon sehr weit verbreitet ist. Eigentlich eine gute Sache: So kann davon ausgegangen werden, dass die Zahl der HIV-Infektionen in den nächsten Jahren weiter sinken dürfte. Doch wie jede Medaille hat auch diese eine Kehrseite.

Denn durch PrEP wägen sich Männer, die «Bareback»-Sex möchten, also ohne Kondom, in Sicherheit. Sie verlieren die Lust an Sex mit Parisern ganz. Mit Männern, die auf den Gummi bestehen, wollen sie sich häufig gar nicht mehr treffen. Übrigens ein Phänomen, das ich nicht nur in Berlin beobachte, sondern auch in den USA und in Australien, wo PrEP Hochkonjunktur hat. An Busstationen kleben sogar Werbeplakate der Arznei.

Dass Männer ohne Kondom eine Ansteckung mit anderen Geschlechtskrankheiten wie Syphilis, Tripper oder Chlamydien riskieren, nehmen sie in Kauf. Sie beruhigen sich damit, dass im Falle einer Infektion ein Besuch beim Arzt und eine gehörige Portion Antibiotikum reichen.

Die Konsequenz: Die Zahl der Infektionen mit anderen Geschlechtskrankheiten als HIV explodiert. Kürzlich vermeldete das Europäische Zentrum für Krankheitsprävention und -kontrolle (ECDC), dass in Europa seit Anfang der 2000er-Jahre erstmals mehr Syphilis-Fälle gemeldet wurden als HIV-Infektionen. Die Experten des Zentrums schreiben in ihrem Bericht ganz klar: Das hat auch mit PrEP und dem Verlust der Angst vor HIV zu tun.

Dabei darf die Infektion mit einer Geschlechtskrankheit wie Syphilis nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Bakterien können Resistenzen gegen Antibiotika bilden, und unentdeckte Infekte können über längere Zeit bleibende Schäden anrichten.

Viele offene Fragen

PrEP leistet zweifellos einen grossen Beitrag zur Eindämmung der HIV-Verbreitung. Das Medikament sollte sogar noch einfacher zugänglich gemacht werden! Der Preis muss sinken, bzw. die Krankenkassen sollten die Behandlung übernehmen. Das ist heute zumindest in der Schweiz nicht der Fall. Eine Monatsration des Original-Medikamentes Truvada kostet immer noch gegen die 1'000 Franken. Deshalb bestellen sich viele ihre Rationen spottbillig im Ausland.

Im Alltag müssen wir kritisch hinterfragen, was so ein «PrEP»-Eintrag in einem Dating-Profil wirklich zu bedeuten hat. Nimmt der Mann das Medikament wirklich? Nimmt er es korrekt ein, und ist er unter Beobachtung eines Arztes?

Und ganz global: Welchen Einfluss hat PrEP tatsächlich auf das Sexualverhalten der Anwender? Wie können wir die Verbreitung anderer Geschlechtskrankheiten eindämmen? Und wie können wir die Aufklärung von Schwulen hinsichtlich Geschlechtskrankheiten noch weiter verbessern? Der Klärungsbedarf ist erkannt. Denn unter der Leitung der Universität Zürich wird momentan genau an solchen Fragen geforscht.

«HIV-Metropole» Berlin

Nach Schätzungen des Robert Koch Instituts lebten in Berlin im Jahr 2017 10'800 Männer, die Sex mit Männern haben, mit HIV. 340 Menschen steckten sich im selben Jahr neu mit HIV an. In 250 Fällen betrifft dies Männer, die Sex mit Männern hatten.

Keine Stadt in Deutschland kennt gleich hohe Ansteckungsraten. «Wir sind eine Metropole für HIV», sagt sogar Jens Ahrens, der bei der Berliner Aids-Hilfe für die Prävention zuständig ist.

Die Berliner machen nur vier Prozent der Gesamtbevölkerung Deutschlands aus. Jedoch kommen fast 15 Prozent der Infektionsmeldungen alleine aus der Hauptstadt.

Erhöhte Rate in Zürich

Das Schweizer Bundesamt für Gesundheit erfasste für denselben Zeitraum 445 bestätigte HIV-Fälle im ganzen Land. Die in der Grossregion Zürich gestellten HIV-Diagnosen (103) betrafen zu 57 Prozent Männer, die Sex mit Männern hatten. Das sind 15 Prozentpunkte mehr als im Landesschnitt.

Hinweis: In der Schweizer Statistik sind Ansteckungen im Ausland, die aber in der Schweiz diagnostiziert wurden, mitgezählt. In der obigen deutschen Statistik handelt es sich um Schätzungen von Infektionen, die effektiv in Berlin passiert sind.

Von Onur Ogul am 02.08.2019