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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Rassistisch und schwul – das gibts!

Wer zu einer Minderheit gehört, ist noch lange nicht tolerant mit anderen. Das musste SI-online-Blogger Onur Ogul zu seinem grossen Ärger bei einem Date feststellen.

Es ist eines dieser spontanen Hören-wir-auf-zu-schreiben-und-treffen-wir-uns-Dates. Statt unendlichem Gechatte gibts direkt einen Nachmittagskaffee in einem hübschen Lokal in Zürich. Der Typ, blond, blaue Augen, Berner Dialekt, irgendwie unauffällig, bodenständig, war ganz offensichtlich von meinem südländischen Aussehen angetan. Manchmal noch lässig, zu den Exoten zu zählen.

So unterhalten wir uns ganz normal, handeln die 0815-Themen ab wie Beruf, Familie, Freizeit. Alles angenehm, aber nicht reichlich spannend. Bis zum Punkt, an dem wir auf Politik zu sprechen kommen.«Ist ja klar, wer für die meisten Probleme in diesem Land sorgt», sagt der blonde Eidgenosse in einer völligen Selbstverständlichkeit. Für gewöhnlich beginnen fremdenfeindliche Menschen, so das Gespräch dezent auf «schwierige Ausländer» zu lenken.

Schwulsein schliesst rechtes Gedankengut nicht aus

Aber das macht für mich so gar keinen Sinn! Er weiss, dass ich Türke bin, dass ich im superlinken Zürich wohne, und hey, der gehört doch als Schwuler selbst zu einer Minderheit?! Ich stelle mich blöd und frage nach. Und tatsächlich beginnt er, über Menschen aus dem Nahen Osten, aus Afrika und vom Balkan herzuziehen. Ich bin baff. Schnippe in die Luft und rufe «Rechnung!» Und mein Date hat noch den Nerv zu fragen: «Ist alles in Ordnung?»

Wir zahlen und beim Gehen erkläre ich ihm, dass ich mich nicht mit Rassisten daten möchte. Und dass ich nicht verstehen könne, dass er als Schwuler auf anderen Minderheiten herumtrampelt. Er will sich natürlich nicht als Rassist verstanden fühlen, «es sind ja nicht alle so» und hinterher das für Rassisten übliche «aber...». Und Schwulsein schliesse ja rechtes Gedankengut nicht aus, so sein Argument.

Sexualität hat nichts mit politischer Grundeinstellung zu tun

Das Date geschah so vor ein paar Jahren. Zum ersten Mal lernte ich da einen rassistischen Schwulen kennen. Ich habe mir noch lange darüber Gedanken gemacht, wie das überhaupt geht. Wenn man als Schwuler schon zu oft pauschalisiert und diskriminiert wird, sollte man doch sensibler im Umgang mit anderen Minderheiten sein?

Aber wenn mans genau nimmt, musste ich schliesslich zugeben, hat die eigene Sexualität nichts mit der politischen Grundeinstellung zu tun. Ob ich mit Männern oder Frauen ins Bett gehe, hat keinen Einfluss darauf, ob ich Nationalist, Kapitalist, Islamkritiker oder eben Fremdenfeind bin. Ich kann immer noch finden, LGBT-Anliegen seien berechtigt und gleichzeitig Ausländer diskriminieren. Was einfach kein Ausdruck von sonderlich hoher Empathie wäre.

Wenn man das weiterdenkt, dann könnten mit der allmählichen Gleichstellung von Homosexuellen die Rechten sogar Zulauf gewinnen. Denn wenn irgendwann auch rechte Parteien Schwule und Lesben als gleichwertig akzeptieren, haben sie keine abschreckende Wirkung mehr für diese Minderheiten. Ob das Auswirkungen auf die Fremdenfeindlichkeit haben wird? Überraschen würde es nicht, so hängt die Grundstimmung gegen Ausländer immer noch von anderen Faktoren wie Wirtschaftslage, Arbeitslosigkeit, globale Sicherheit etc. ab.

Er entschuldigte sich für seine Art

Seit jenem Date begegnen mir immer wieder xenophobe Schwule. Auf Datingportalen fliegen mir und meinen Freunden ab und zu mal «Scheisstürke», «Scheissjugo», «Islamist» oder «Neger» um die Ohren. Okay, wäre auch überraschend gewesen, wenns unter Schwulen keine Idioten gäbe, oder?

Übrigens, um fair zu sein: Mein Date habe ich nie mehr wiedergesehen. Viele Jahre später schaffte er es irgendwie, mich im Internet ausfindig zu machen und entschuldigte sich für seine Art. Er sei jetzt ein anderer Mann.