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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Sag doch einfach «schwul»

SI-Redaktor Onur Ogul geht direkt zur Sache. In diesem Blog erzählt er, was er in der Welt der Schwulen alles erlebt – Vorsicht: Alles im O-Ton! Heute zur Mühe mit dem Begriff «schwul».

Nimms doch einfach in den Mund...! Aber keine Angst, das wird kein Schmuddel-Blog. Die Rede ist vom Wort «schwul».

Viele tun sich nämlich schwer, das Wort überhaupt auszusprechen. Auch Menschen, die eigentlich gar nichts gegen Schwule haben.

Als 29-Jähriger, der schon seit vielen Jahren offen mit seiner Homosexualität umgeht, muss ich sagen: Mir geht das gehörig auf den Sack!

Meinen Chef würde ich nicht fragen

Wenn Menschen das Wort ganz leise aussprechen, im schlimmsten Fall sogar noch die Hand vor den Mund halten oder sogar darum herumeiern, gibt mir das nämlich das Gefühl, es handle sich um etwas ganz Schlimmes. Eine Krankheit, ein Verbrechen.

Beruhigt euch! Ein Mann, der nur auf Männer steht, nennt sich doch selbst auch «schwul». Machts euch einfach: «Darf ich fragen: Bist du schwul?» - «Sicher darfst du fragen. Ja, das bin ich.»

Natürlich spielt die Beziehung zwischen den Gesprächspartnern eine Rolle. Einen Wildfremden oder meinen Chef würde ich so etwas nicht fragen.

«Anders»? - Nein, «schwul»!

Doch selbst die engste Beziehung vermag die Zunge nicht zu lockern. Wie schwer es sogar einem eng vertrauten Menschen fallen kann, das Wort auszusprechen, erlebte ich bei meinem Outing vor über zehn Jahren. Meine Mutter war kurz danach in Tränen aufgelöst. Da tritt mein Grosi in den Raum und fragt, was los sei. Meine Mutter schweren Herzens: «Ja, de Onur isch anders.»

«Anders? Nei, Mami, eifach schwul», hätte ich sagen sollen. Tat ich aber nicht. Und eben hier liegt der Hund begraben. Homosexuelle vermeiden den Begriff teilweise selbst, und das macht ihn noch mystischer. Daran ist aber nichts geheimnisvoll. Mann liebt Mann, so einfach wäre es.

Dem Begriff seinen Zauber nehmen

Wie soll «schwul» jemals ein neutraler Begriff werden, wenn ihn Schwule selbst meiden? Unter ihnen tun das besonders oft Männer, die sich für ihre Sexualität schämen. Lieber behaupten sie, ab und zu Sex mit Männern zu haben, aber trotzdem hetero zu sein. Das hilft natürlich wenig für einen offeneren Umgang mit Homosexualität.

Wer sich abschätzige Bezeichnungen zu eigen macht und sie mit einer Selbstverständlichkeit benutzt, entschärft sie. Die Sexologin Maggie Tapert etwa sagte mir einst im Interview zum Wort «Schlampe»: «Frauen sollten die Bezeichnung einfach annehmen. Schlampen sind Frauen, die Sex lieben. Ich bin eine Schlampe und stolz darauf!»

So geht es mir auch. Ich will offen sagen, dass ich schwul bin, um dem Wort seinen Zauber zu nehmen. Dieser Blog soll jede Woche einen Beitrag dazu leisten.

Fragt ihr euch jetzt immer noch, ob ein Arbeitskollege oder ein guter Freund schwul ist? Wünscht ihr euch eigentlich, mit ihm lockerer über Privates reden zu können? Dann nehmts einfach in den Mund – das Wort «schwul»!