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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Schwul und Türke, geht das?

In manchen Teilen der Welt ist es schwierig bis unmöglich, offen schwul zu leben. SI-online-Blogger Onur Ogul ist halb Türke und weiss, wie viel Mut es braucht, um zu seiner Homosexualität zu stehen.

Erst reissen sie die Augen weit auf, dann wird ihr Blick mitleidig. Menschen, bei denen ich mich oute, reagieren immer ähnlich: «Schwul und Türke? Das ist sicher nicht einfach.»

Schwul zu sein ist leider nie einfach. Aber es stimmt: In gewissen Ländern, oft südöstlich der Schweiz, stossen Männer bei ihrem Outing öfters auf Probleme. Das heisst nicht, dass alle Schweizer ein Outing total locker aufnehmen, auch hierzulande braucht es Mut, offen zu sich zu stehen. Aber an den teils heftigen Reaktionen von Türken, Balkanern und Menschen aus dem Nahen Osten erkennt man die kulturellen Unterschiede zu zentraleuropäischen Gesellschaften.

«Bei uns gibts so was nicht» 

Mein Vater stammt aus dem Südosten der Türkei. Mit Homosexualität war er bis zu meinem Outing noch nie konfrontiert. «Bei uns im Dorf gibt es so was nicht», glaubte er damals noch. Was natürlich Unsinn ist, aber die Menschen in Südostanatolien leben teilweise noch heute mit diesem Irrglauben. Ganz einfach, weil sich dort niemand zu outen wagt.

Religion spielt weder im türkischen noch im schweizerischen Teil meiner Familie eine Rolle. Daher hatte ich nochmals Glück, dass dieses Hindernis wegfiel. Oftmals geht es gar nicht darum, dass Südländer ihre schwulen Söhne wegen des Korans oder der Bibel verstossen. Es ist eine Frage der Kultur. Es geht um einen Familienstolz, den es zu verlieren gibt. Auch mein Vater reagierte im ersten Moment mit der Ankündigung, an irgendeinen Ort auswandern zu wollen, wo ihn niemand kennt.

Ich hatte aber das grosse Glück, dass sich mein Vater nach dem ersten Schock schlau gemacht und herausgefunden hat, dass ich wegen meiner sexuellen Orientierung kein Monster bin. Würde ihn jemand auf meine Homosexualität ansprechen, er würde mich sogar verteidigen. Dafür liebe ich ihn. Heute ist unser Verhältnis besser denn je.

Viagra und Morddrohungen

Von einem solchen Verlauf können viele nur träumen. Jedes Outing ist ein Risiko. Schwule Türken und Balkaner gibts in der Schweiz zuhauf. Von ihnen höre ich manchmal Horrorgeschichten. So drückten die türkischen Eltern meinem Bekannten eine Schachtel Tabletten in die Hand, nachdem er sich geoutet hatte. Stellte sich heraus: Da drinnen war Viagra. Denn sie glaubten, damit klappe es dann mit einer Frau schon noch.

Bei dieser Reaktion könnte man ja noch schmunzeln. Sie zeigt aber, wie wenig Ahnung gewisse Menschen davon haben, was Homosexualität überhaupt ist. Und Unwissen ist der Nährboden für Homophobie.

Gar nichts zu lachen hatte ein mazedonischer Bekannter. Er musste nach seinem Outing die Polizei rufen, da sein Vater ihn zu Hause eingesperrt und bedroht hatte. Das sind nicht etwa Geschichten aus den 60ern. Diese Vorfälle passierten vor ein paar wenigen Jahren hier in der Schweiz. Und gerade berichtete «20 Minuten» von einem Albaner in der Schweiz, dem Landsleute in den Social Media drohen, nur weil er schwul ist.

Die Scham, die Eltern zu enttäuschen

Wegen Geschichten wie dieser entscheiden sich viele Türken und Balkaner, sich lieber nicht zu outen. Sie leben sich im Geheimen aus, bis sie heiraten und für ihre Eltern Grosskinder zeugen. Manche tauchen später urplötzlich wieder in Schwulenbars auf, weil sies nicht lassen können. Andere verschwinden für immer.

Das tun sie nicht unbedingt aus Angst, dass ihnen etwas zustossen könnte. Sie sind ganz einfach mit dem Konzept der Familienehre aufgewachsen. Die Scham, Vater und Mutter zu enttäuschen, reicht aus, um sich in ein lebenslanges Versteckspiel zu zwängen.

Die Zeiten ändern sich

In meiner Generation gibts schon mehr, die sich trauen, sich zu outen. Manche haben wie ich ein sehr entspanntes Verhältnis zur Familie. Und ich beobachte, dass heute schon viele Teenager zu sich stehen. Das ist erfreulich!

Ich bereue keine Sekunde, dass ich den Schritt gewagt habe, ein Leben ohne Lügen zu führen. Trotzdem habe ich viel Verständnis für die zögernden Südländer. Und so auch für weit aufgerissene Augen und mitleidige Blicke, wenn ich mich vor jemandem oute.