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  4. Tamy Glauser: Schwule und Lesben streiten leider immer noch

Voll schwul!

Schwule und Lesben, hört endlich auf zu streiten!

Das lesbische Topmodel Tamy Glauser muss Anfeindungen eines schwulen Politikers über sich ergehen lassen. Wieso Mitglieder der LGBT-Gemeinschaft nicht geeint auftreten, ist SI-online-Blogger Onur Ogul ein Rätsel.

Tamy Glauser

Topmodel Tamy Glauser will Politikerin werden.

Getty Images

Man möchte ja meinen, Mitglieder einer Minderheit würden gemeinsam gegen Diskriminierung kämpfen. Wenns um den Kampf für die Gleichberechtigung von Homosexuellen geht, ist das jedoch nicht immer gegeben, wie ein kürzlicher Zwischenfall zeigt.

Das erfolgreiche Schweizer Model Tamy Glauser, 34, ist Teil des berühmtesten Lesbenpaares im Land. Ihre Partnerin ist Dominique Rinderknecht, 29, eine ehemalige Miss Schweiz. Die Grüne Partei des Kantons Zürich hievte Glauser diese Woche auf die Nationalratsliste für die Wahlen im Herbst.

Schon bevor die Nominierung überhaupt klar war, meldeten sich auch schon die ersten Hater zu Wort. Darunter auch ein schwuler Lokalpolitiker, der Tamy Glauser auf Twitter als «Ding» bezeichnete. Er werde sie ganz bestimmt nicht wählen und akzeptiere das Topmodel nicht als LGBT-Aushängeschild. «Lieber lass ich mich in einer Therapie bei Christfanatikern konvertieren als von solch einer... in LGBT vertreten!» Hintergrund: Der Verfasser des mittlerweile gelöschten Tweets ist der 29-jährige Michael Frauchiger, SVP-Mitglied und damit politischer Gegner der Grünen.

Für das «Ding» hat sich Frauchiger unterdessen entschuldigt. Nicht aber für den restlichen Inhalt seines Tweets.

Probleme gemeinsam lösen

Was für ein unnötiger Blödsinn!

Selbstverständlich kann ein Mitglied der rechten SVP Glausers Aussagen zu Nachhaltigkeit, Klimawandel und Sozialpolitik kritisieren. Aber als Schwuler ihre Anliegen in LGBT-Bereichen ins Kreuzfeuer zu nehmen, ist schlichtweg dumm.

Themen rund um sexuelle Minderheiten sollten keine Parteifarbe kennen. Die ungelösten Probleme (Adoptionsrecht, Ehe für alle, Schutz vor Diskriminierung) müssen alle LGBT-Politiker gemeinsam angehen. Immerhin geht die Diskriminierung Lesben und Schwule gleichermassen etwas an – ob links oder rechts. (Mir ist bewusst, dass Transmenschen noch absolut untervertreten sind, aber das allein wäre ein ganz eigenständiges Thema.)

Die Differenzen zwischen Schwulen und Lesben gründen tief, sie zeigen sich nicht nur zwischen streitlustigen Politikern.

Zuletzt waren sich Vertreter von Lesben- und Schwulenorganisationen uneinig über die aktuellen Varianten zur Öffnung der Ehe. Lesben kritisieren die bevorzugte Vorlage, in welcher die Möglichkeit auf Samenspenden fehlt. Schwule akzeptieren den Abstrich, um den Grundsatz der Ehe für alle zu retten. Denn ohne Samenspende hätte die Vorlage wohl bessere Chancen bei einer Volksabstimmung.

Es fängt schon im Club an

Und auch in der Freizeit habe ich schon schwul-lesbische Anfeindungen beobachtet. Ich mag mich noch gut daran erinnern, wie es war, als ich angefangen habe, mich in der Zürcher Gayszene zu bewegen. Ich war ganz neu und verstand die Mechanismen dieser Welt noch nicht. Aber deutlich aufgefallen ist mir schon früh, dass Schwule und Lesben wenig gemeinsam machen. Es gab immer separate Partys, Veranstaltungen, Vereine – bis auf die jährliche Zurich Pride, wo ausnahmsweise alle gemeinsam marschieren.

Immer wieder fallen despektierliche Bezeichnungen von der einen Gruppe über die andere. Freundschaften gibts sehr wohl zwischen Schwulen und Lesben, in meinem Freundeskreis ist das aber eine Seltenheit. Weshalb das so ist, habe ich nie wirklich verstanden. In meinem naiven Köpfchen heisst es heute noch: Wir haben doch alle dieselben Herausforderungen, weshalb verstehen wir uns trotzdem nicht?

Meine These: Homosexuelle eint nur, dass sie auf dasjenige Geschlecht stehen, welches sie selbst haben. Die trennenden Merkmale zwischen Schwulen und Lesben bilden offenbar einen so tiefen Graben, dass diese eine Gemeinsamkeit keine Brücke schlagen kann. Frauen leben in einer männerdominierten Welt, sie werden oft sexualisiert und diskriminiert. Schwule werden als Männer sozialisiert, weshalb wir nicht per se ähnlich sein können wie Lesben.

Wir müssen ja auch nicht gleich sein. Aber lassen wir doch die Streitereien untereinander, die brauchen nur Zeit und Energie. Diese könnten Schwule und Lesben darin investieren, mit einer geeinten Stimme zu sprechen. In den Organisationen, in der Politik und im Privatleben.

Von Onur Ogul am 24.05.2019