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Voll schwul!

Schwulenclubs sind doch nur Marktplätze

Es gibt verschiedene Gründe, weshalb man einen Schwulenclub besuchen kann. Für SI-online-Blogger Onur Ogul sind die Partylokale vielmehr Marktplatz als Tanzfläche.

t's the gay version of a sit-in, it's our right," says Jared Milrad,
2013 - The Boston Globe

Wochenende! Die Nachrichten meiner Freunde treffen ein: «Wohin Freitagabend?» Regelmässig versuchen sie, mich davon zu überzeugen, an eine Schwulenparty zu gehen obwohl ich ihnen immer wieder einen Korb gebe.

Das mache ich nicht aus purer Boshaftigkeit. Ich liebe meine Freunde und ich feiere gerne Partys mit ihnen. Aber nicht in Schwulenclubs.

Total unentspannt

Das war mal anders. Vor mehr als zehn Jahren, als ich neu in der Szene war und angefangen habe, mich mit anderen Schwulen zu treffen, fand man mich regelmässig im Club «T&M», dem damaligen Place to be für LGBT-Menschen. Aus der ganzen Schweiz kamen die Partygänger nach Zürich (wird bald mal Zeit für eine Ode an den mittlerweile geschlossenen Club).

Doch bald einmal begann ich zu realisieren: Für mich gings hier nicht ums Tanzen oder um die Musik. Das Pop-Gemetzel finde ich meist übel. Ich ging vielmehr in Schwulenclubs, um Ausschau zu halten. Um mich zu platzieren, mich verfügbar zu zeigen.

So eine Partynacht im «T&M» zum Beispiel, das war immer ein riesiger Kampf. Der begann schon zu Hause. Erst versuchte ich, was aus mir zu machen und war – Überraschung – nie zufrieden. Ich sah immer nicht so gut aus wie die anderen.

Endlich im Club konnte ich nie entspannen. Beim Eintreten erster Kontrollblick: Wer ist alles da? Wen kenne ich vom Chatten, wem muss ich aus dem Weg gehen? Nicht weniger anstrengend war das dauernde Deuten von Blicken. Schaut er, weil ich seltsam aussehe oder weil er Interesse hat? Meist erledigte sich die zweite Frage, weil er fünf Minuten später mit irgendeinem Typen rumknutschte.

Die Enttäuschung war zu gross

Der Wunsch damals, einen festen Freund an einer Party zu finden, war sehr gross. Dementsprechend riesig war die Enttäuschung jedes Mal, wenn ich nur mit meinen Freunden auf den Clubsofas herumhängte und ich niemand Neues kennenlernte. Und gegen die frühen Morgenstunden entschied ich mich dann irgendwann zu gehen und meine Freunde in den Armen von Männern zurückzulassen, die sie sich an diesem Abend angelacht hatten.

Später, als ich begann, das Leben als Single zu geniessen, änderte sich dieses Wechselbad aus Hoffnung und Enttäuschung nicht. Nun sollte ich zwar etwas Unernstes finden, doch auch das blieb zumeist Wunschdenken. Irgendwann hörte ich auf, Schwulenpartys zu besuchen, um die grosse Enttäuschung danach zu vermeiden. Und siehe da! Ich vermisse die Gaypartys überhaupt nicht.

Natürlich bin ich mir heute bewusst, dass meine eigene Unsicherheit das grosse Problem hinter meinen schlechten Erinnerungen an Gaypartys ist. Dass ich zudem äusserst wählerisch bin, verhinderte sicherlich auch den einen oder anderen Kontakt.

Die Gefahr zu «verderben»

Doch selbst wenn ich heute als quasi neuer Mensch einen Schwulenclub besuchen würde: Wäre da die Grundhaltung völlig anders?

Ginge es bei einem Partybesuch wirklich nur darum, zu tanzen und zu saufen? Dann müsste ich das ja nicht unbedingt in einem Schwulenclub tun, wo mir nicht einmal die Musik gefällt.

Ich hege auch kein Bedürfnis mehr, mich mit anderen Schwulen auszutauschen, so wie es direkt nach meinem Outing war. Aus dieser Phase bin ich rausgewachsen.

Mir dienen Schwulenclubs längst nicht mehr als «realer Treffpunkt», um mit anderen Homosexuellen über ihre Erfahrungen zu sprechen. Für mich sind diese Lokale nur Marktplätze. Man geht hin, zeigt sich, bietet sich an und checkt das Angebot aus. Und wenn man seine Ware nicht loswird, befürchtet man mit jedem Mal mehr, dass sie langsam aber sicher verdirbt.

So werde ich auch dieses Wochenende wieder Orte fürs Feiern bevorzugen, an die ich nur eine einzige Erwartung habe: Spass.

Von Onur Ogul am 1. März 2019