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Voll schwul!

Schwulenclubs machen nicht nur Schwule glücklich

Eine Freundin will SI-Online-Blogger Onur Ogul einen Gefallen tun, als sie vorschlägt, den Berliner Club Schwuz zu besuchen. «Da hats sicher hübsche Typen.» Der Abend wird auch ein Erfolg – aber anders als geplant.

Schwuz Berlin
Schwuz/Guido Woller

Samstagabend, ein zwei Weinflaschen sind geleert, meine gute Freundin Anastasia und ich sind partywillige Singles in Berlin. «Komm, wir gehen ins Schwuz, da hats sicher hübsche Typen!» Eigentlich wollte ich nicht zwingend an eine Queer-Party, aber wenns meine heterosexuelle Freundin schon vorschlägt.

Der Club gehört zum Schwulenzentrum (Schwuz), einem seit mehr als 40 Jahren aktiven Kollektiv, das Emanzipation, Kultur und Vielfalt fördert und feiert (Hier lest ihr mehr zur Geschichte). Das Lokal liegt in Neukölln, nahe von Kreuzberg, wo viele Türken leben. Ich war deshalb total neugierig, ob manche da sein werden. Ich finde es immer spannend, mit anderen schwulen Türken ins Gespräch zu kommen. Okay, und ich finde sie hübsch.

Die rätselhaften Boys

Wir betreten also die alte Kindl-Brauerei, in der sich der Club befindet. Schon im Eingangsbereich höre ich von dem einen Floor her orientalische Beats. Nix wie hin! Und tatsächlich: Sehr viele junge Menschen mit südländischem Touch. Seltsam hingegen wirkt ein Grüppchen junger Männer, alle so um die 20. Sie bleiben untereinander, scherzen, trinken und tanzen für sich. Was um sie herum passiert, scheint zweitrangig.

Sie sehen zwar so aus, als kämen sie vom Nahen Osten, ich errate aber nicht, woher. Mission gefasst: Ich schawänzle um dieses Grüppchen herum und versuche, Wortfetzen zu erhaschen. Aber die Musik ist zu laut. Ich versuche, mit irgendeinem von ihnen Augenkontakt herzustellen. Fehlanzeige.

(Ich weiss, ich weiss, ich halte mich selbst nicht an meine Ratschläge aus dem Blog über die Ausreden, warum man jemanden nicht ansprechen kann.)

Da kreuzt Anastasia auf und bemerkt, wie ich diese rätselhaften Männer mustere. Und findet die «gar nicht mal so übel». Peinlich für mich, dass sie ohne Weiteres einfach das macht, was ich die vergangenen 30 Minuten hätte tun können: hingehen und mit ihnen reden.

Sie wollen einfach in Frieden feiern

Stellt sich heraus: Da hätte ich noch lange schawänzeln können. Diese jungen Iraker sind alle hetero!

Ich war schon überrascht. Ich kann ganz wertfrei sagen, dass ich nicht damit gerechnet hätte, dass sich Gruppen junger, arabischer, heterosexueller Flüchtlinge DEN Queer-Club Berlins aussuchen. Sie erklärten, sie besuchten das Schwuz öfters. Hier könnten sie in Frieden zu guter Musik feiern, ohne Anfeindungen. Auch würden sie immer eingelassen, anders als in anderen Clubs. Dass es unzählige Homosexuelle um sie herum hat, störe sie keineswegs.

Manche Heteros lieben einfach queere Veranstaltungen. Auch Security-Angestellte, die an Gay-Partys im Einsatz waren, schildern mir immer wieder, die LGBTQ+-Anlässe seien ihnen die liebsten. Da gebe es nur sehr selten bis nie Zwischenfälle, es seien einfach heitere Partys mit lustigen Menschen.

Anders sollte es auch gar nicht sein. Gerade die LGBTQ+-Gemeinschaft weiss, was es heisst, Menschen unterschiedlichster Identität, Sexualität und eben auch Herkunft unter ein Dach zu bringen.

Die Willkommenskultur lohnt sich nicht nur für heterosexuelle Flüchtlinge aus dem Irak, sondern auch für meine heterosexuelle Freundin Anastasia. Dass sie ebenfalls ganz easy in den Club hereinkam, ist gerade in Berlin keine Selbstverständlichkeit. Zudem ist sie schon längst mit einem der Jungs verschwunden, während ich noch krampfhaft versuche, mich zu Tarkans Hits an einen hübschen Türken heranzutanzen.

LGBTQI+

Die Abkürzung LGBTQI+ versucht, so viele Gruppen der sexuellen Minderheiten zu integrieren wie möglich: Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Queere, Intersexuelle und andere, die sich dazuzählen.

Von Onur Ogul am 23.08.2019