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Voll schwul!

Schwulenheiler gehören bestraft

«Ich will nicht mehr schwul sein!» Geraten Jugendliche mit diesem Wunsch an Konversionstherapeuten, droht ihnen grosse Gefahr. SI-online-Blogger Onur Ogul schreibt, Eltern und selbsternannte Therapeuten müssten für die auferlegten Qualen bestraft werden.

Theodore Pellerin left and Lucas Hedges "Boy Erased." Filmstill

Im Film «Boy Erased» schickt ein Vater seinen schwulen Sohn zur Konversionstherapie. Ein eindrückliches Familiendrama, wie es wohl in der Realität auch vorkommt.

Filmstill/Boy Erased

«Wenn man eine Neigung zu Männern hat, also schwul ist, und es selber aber nicht will, gibt es eine Möglichkeit, es zu ändern??? Bitte um schnelle Hilfe.» paradisi.de 

«Ich möchte gern hetero werden. Nicht, weil Schwulsein böse ist oder so. Ich will einfach nur mich auch mit jemandem treffen können, ohne Angst zu haben, dass irgendwie jemand Aggressionen bekommt. Irgendwann will ich auch mal ein Kind haben, die KinderbetreuerInnen werden dann wohl ein bisschen doof schauen, wenn immer 2 Männer das Kind abholen und ich hab Angst, dass es auch für das Kind nicht gut ist. Man hat einfach viel mehr Möglichkeiten, wenn man nicht homosexuell ist. Kann man das vielleicht ganz unterdrücken oder sogar ganz löschen?» hilferuf.de

Diese Beiträge habe ich in verschiedenen Online-Foren gefunden, nachdem ich «Wie werde ich hetero?» gegoogelt habe. Wollte einfach mal wissen, worauf junge Menschen stossen, die mit der Entdeckung ihrer Homosexualität zu kämpfen haben und im Netz drauflossuchen.

Homosexualität ist keine Krankheit

Wenn diese verzweifelten Menschen grosses Pech haben, stossen sie auf fragwürdige Angebote, welche die Homosexualität austreiben sollen. Etwa sogenannte Konversionstherapien. Therapeuten versprechen Hilfesuchenden, sich von ihrer Homosexualität trennen zu können. Solche Behandlungen anzubieten, ist in manchen Ländern, wie auch in der Schweiz, noch legal. Obwohl Fachkreise vor solchen Therapien warnen und obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität 1990 von der Liste psychischer Krankheiten gestrichen hat.

«Ich hab mal davon gehört, dass die Kirche (auch wenn ich kein Freund der Kirche bin) einen angeblich heilen kann, auch wenn ichs nicht als Krankheit ansehe.»

Dass es dennoch irgendwelche Behandlungsmethoden gibt, und dass religiöse Kräfte dahinterstehen, ist zumindest diesem Forums-Autor bewusst.

Ich selbst hatte nie die Vorstellung, man könne meine Homosexualität «heilen», ich dachte auch nie, es handle sich dabei um eine psychische Störung. Aber ich habe auch nie krampfhaft versucht, nicht schwul zu sein. Wer sich selbst akzeptiert, sucht nicht nach Auswegen.

Die Entdeckung der eigenen Homosexualität kann aus verschiedenen Gründen Angst machen: Will ich wirklich zu einer diskriminierten Gruppe gehören? Will ich die Wahrnehmung meiner Männlichkeit riskieren? Will ich meine Familie enttäuschen? Will ich Gott enttäuschen?

Tortur statt Therapie

Verzweifelte Schweizerinnen und Schweizer finden im Netz den Verein wuestenstrom. Er gibt vor, Sexualität könne man «gestalten», es sei alles eine Frage von «Entscheidungen».

Das klingt vielversprechend und einfach. Doch ein Bericht der «Schweiz am Sonntag» über einen Betroffenen zeigt: Die sogenannte Therapie ist nur Folter. Ein Schwuler erzählt 2016, wie er sich wegen seiner religiösen Familie zehn Jahre lang habe einreden lassen müssen, dass er trotzdem mit einer Frau zusammensein könne. Der Therapeut habe ihm eingetrichtert, sein Interesse an Männern sei nur Symptom eines tief verwurzelten psychischen Problems. Unter anderem wurde der Hilfesuchende zum Fussballspielen geschickt, um ein anderes Verhältnis zu Männern aufzubauen. Ich finde keine Worte, um diese Absurdität zu beschreiben.

Der Betroffene beurteilt die Behandlung rückblickend als gefährlich: «Jugendliche, die eigentlich keine Probleme haben, werden kaputtgemacht, ihr Selbstwertgefühl wird zerstört. Sie werden dazu gebracht, sich minderwertig zu fühlen. Sie sollen das, was sie lieben, hassen.»

Die Schweiz hinkt hinterher

Ob Konversionstherapie, Reparativtherapie, Reorientierungstherapie oder unter einem anderen Namen: Schweizer Fachpersonen aus Psychologie und Medizin lehnen Behandlungen, welche die Sexualität verändern sollen, ab. Die Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (FSP) distanzierte sich 2016 deutlich von Umpolungstherapien. Solche Behandlungen seien «unwissenschaftlich und für die Betroffenen sogar gefährlich.» Homosexualität sei eine «Facette der menschlichen Sexualität – und keine Krankheit.»

Auch der Bundesrat hielt 2016 fest, dass Konversionstherapien gefährlich sind, besonders für Jugendliche. Er machte es sich aber zu einfach und sah auf Nachfrage von BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti keinen Handlungsbedarf. Wer Psychotherapien anbiete, sei ohnehin an die offiziellen Berufspflichten gebunden, so die Landesregierung. Sollten Therapeuten gegen diese verstossen, drohe ihnen der Bewilligungsentzug. Im Falle von Seelsorgern schiebt der Bundesrat die Verantwortung den Kirchen ab. Ob Konversionstherapien überhaupt einen Straftatbestand erfüllten (z. B. Nötigung), könne nur ein Gericht im Einzelfall beurteilen. Damit bleibt das Anbieten von Konversionstherapien in der Schweiz bis heute legal.

Wieder einmal haben unsere Nachbarn die Nase vorn: Österreichs Nationalrat hat diese Woche eine Initiative zum Verbot von Konversionstherapien einstimmig (!) angenommen. Deutschlands Gesundheitsminister Jens Spahn will ein Verbot bis Ende Jahr umsetzen. In der Schweiz reichte Nationalrätin Quadranti erst im Juni eine Motion für ein Verbot ein. Bekanntlich dauert der Gesetzgebungsprozess bei uns um einiges länger.

Der Heiler ist selbst Ursache des Problems

Sich auf den aktuellen Gesetze auszuruhen, reicht nicht aus. Das Bösartige von Konversionstherapien beginnt eben schon im Angebot! Darf so etwas öffentlich empfohlen werden, vermittelt man den Glauben, Homosexualität sei tatsächlich etwas, das man wegtherapieren kann. Dabei sind Umpolungsversuche höchstens ein Training, um die eigene Persönlichkeit zu unterdrücken und gegen aussen ein heterosexuelles, religiös konformes Leben zu führen. Wie das Fallbeispiel der «Schweiz am Sonntag» zeigt, sind Umpolungsversuche aber höchstens Kosmetik – mit üblen Folgen für die Psyche.

Die Therapeuten spielen oft einen cleveren Trumpf aus. Sie geben an, selbst einmal schwul gewesen und nun geheilt zu sein. So auch Rolf Rietmann von der Organisation wuestenstrom. An Vorträgen präsentiert er stolz Fotos von seiner Frau und seinen Kindern.Es ist offensichtlich, dass Menschen wie Rietmann Druck auf unsichere Menschen ausüben, um ihnen das Gefühl zu geben, etwas verändern zu müssen. Sie kreieren die Nachfrage nach ihrem Angebot selbst. Statt die Hürden für Homosexuelle in der Gesellschaft zu entfernen, wollen religiöse Hardliner wie Rietmann Homosexualität von der Bildoberfläche verschwinden lassen.

Eltern zur Rechenschaft ziehen

Heute als 31-Jähriger kann ich diese Mechanismen erkennen und sie kritisieren. Aber wenn ich mir vorstelle, enttäuschte Eltern schickten ihren 14-jährigen Sohn in eine solche Therapie, dann wird es schwieriger mit dem Appell an den gesunden Menschenverstand.

Je nach Kulturkreis und je nach Strenge der Religiosität herrscht ein enorm hoher Druck auf Jugendlichen, nicht nur ihre eigenen Bedürfnisse, sondern eben auch jene ihrer Familien zu befriedigen. Dass da der eine oder andere einbricht und sich auf eine Therapie einlässt, liegt auf der Hand. Um Jugendliche vor einer solch gefährlichen Hirnwäsche zu schützen, müssen Therapeuten sowie die verantwortlichen Eltern zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn sie sich nicht damit abfinden können, dass Homosexuelle zu unserer Gesellschaft dazugehören, sollten sie sich vielleicht überlegen, mit jemandem über ihr Unbehagen zu sprechen – mit einem Therapeuten oder Seelsorger. Ganz legal, ganz sinnvoll.

Von Onur Ogul am 05.07.2019