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Voll schwul!

Seid so offen, dass es wehtut!

Während fast zwei Jahren hat SI-Online-Blogger Onur Ogul über Männer, die Männer lieben, geschrieben. In seinem letzten Beitrag schaut er auf die Höhen und Tiefen zurück und erklärt, weshalb schamlose Texte am meisten bewirken.

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Getty Images/EyeEm

«Schreib doch einfach, worüber du am meisten erzählen kannst.» Und schon stand mein Blog über schwule Themen. Das war im Januar 2018. Seither habe ich mich bemüht, jede Woche einen spannenden Aspekt aus meinem Leben festzuhalten. Mit diesem Beitrag geht diese Ära nun zu Ende.

Mein Blog sollte einen Zugang zum Alltag eines schwulen Schweizers bieten. Dabei verfolgte ich eine Devise, die sich schon durch mein ganzes Leben zieht: Je mehr du versteckst, desto suspekter wirst du. Daher bevorzuge ich es, offen zu kommunizieren, manchmal sogar so offen, dass es wehtut. Das soll einladen, Fragen zu stellen, mitzudiskutieren und das Gefühl wecken, man sei selbst auch involviert.

Häufig beschrieb ich alltägliche Sorgen. Gemeinsames Leiden bildet eine gemeinsame Basis, so mein Gedanke. Doch ich musste mich hüten, dass sich meine Kolumne nicht in einen Jammer-Blog verwandelte. Deshalb spickte ich sie immer wieder mit lustigen Erinnerungen und Spass-Beiträgen. Etwa als ich die schönsten Fussballer der WM 2018 kürte oder die zehn nervigsten Fragen an Schwule aufzählte.

Über Heteros wissen wir schon alles

Die Kolumne hat aber nicht jedem Spass bereitet. Der Umstand, dass ein Autor bei einem traditionellen (nicht-schwulen) Schweizer Medium einen Gayblog schreiben darf, weckte in manchen Homosexuellen Erwartungen. Sie erachteten es als meine Pflicht, nur die sympathischen Aspekte meines Lebens darzustellen. Kritische Töne gegenüber der Community oder der Szene fanden sie daneben. Ich aber wollte mich nicht als künstliche PR-Figur darstellen, sondern als ganzheitlicher Mensch mit Freuden und Sorgen.

In «Der fieseste Liebestöter der Schwulenwelt» etwa schrieb ich über Rollen beim Sex. Ich bedauerte, dass meine fehlende Flexibilität potenziellen Beziehungen im Wege steht. Diese Darstellung eines realen Problems, das viele und nicht nur mich betrifft, goutierten einige nicht. «Zu pauschaler Titel», «zu fokussiert auf Sex» monierten einige Kritiker. Doch ist es nicht gerade die Sexualität, die uns von Heterosexuellen unterscheidet?

Seien wir mal ehrlich: Von den sexuellen Bedürfnissen und Sorgen der Heterosexuellen wissen wir alles. Das zählt quasi zum Allgemeinwissen, auch für Schwule, Lesben und Bisexuelle. Um irgendwann selbst als «normal» zu gelten, müssen Homosexuelle in dieser Hinsicht aufholen. Dafür müssen wir den Schleier der Scham lüften.

Ich handelte mir mit dieser Einstellung auch mal Schelte ein: Meine Unzufriedenheit mit der Musik in populären Gayclubs erzürnte manche. Genau wie auch meine kritische Auseinandersetzung mit PrEP, dem Medikament, das HIV-Infektionen verhindert und damit eine neue sexuelle Revolution lostritt.

Den meisten hats was gebracht

Um meine Gefühle in einen Text fassen zu können, musste ich mich auf eine neue Art und Weise mit ihnen beschäftigen. Das war eine sehr wertvolle Erfahrung. Und es hat sich nicht nur für mich gelohnt. Der grösste Teil der Rückmeldungen waren nämlich positiv. Viele Schwule haben sich demnach wiedererkannt oder Aspekte an sich kennengelernt, welche ihnen neu waren. Nicht-Schwule lernten, welche inneren Kämpfe in uns vorgehen, und sie wissen, wo uns die Politik und Gesellschaft das Leben schwer machen.

Es ist zwar Zeit, von diesem Blog Abschied zu nehmen und sich neuen Abenteuern zu widmen. Aber die Sensibilisierung der Mitmenschen auf schwule Themen ist längst eine Lebensaufgabe geworden. Ich hoffe, ich habe einige andere auch dazu motiviert.

Es war mir eine Ehre, der Gay-Blogger der SI zu sein. Ein grosser Dank geht an die Chefredaktion, die mit ihrer Weltoffenheit und ihrem Mut zu diesem Blog gestanden ist. Und an alle Freunde, die mir mit Inputs halfen und Texte gegengelesen haben. Machts gut! Und immer schön offen bleiben!

Von Onur Ogul am 22.11.2019
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