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Voll schwul!

SI-online-Redaktor Onur Ogul schreibt über Männer, die Männer lieben.

Traummann mit Tripper

Eine aktive Sexualität als Single bringt Risiken mit sich. SI-online-Blogger Onur Ogul vermutet immer gleich das Schlimmste, wenn er sich nach einer Nacht zu zweit schlecht fühlt.

Montagmorgen früh in einem Zürcher Tram, das Elend der Welt ist in den Gesichtern abzulesen. Nur jemand strahlt über beide Ohren: Ich! Jaha, ICH hatte ein so gutes Wochenende, dass ich mich noch eine Weile lang in die Erinnerungen daran retten kann.

Was mit einem charmanten Gespräch angefangen hatte, ging über in ein paar Drinks, den gemeinsamen Heimweg und eine schlaflose Nacht mit dem schönsten Mann der Welt.

Es ist wohl nicht nur die Grippe!

Dann bringt ein regelrechtes Erdbeben mein Kartenhaus der Romantik zum jähen Einsturz. Ich dachte, ich niese mir das Hirn aus dem Schädel! Auf einmal ist mir so heiss, auf dem Hinterkopf macht sich ein unendlich starker Druck spürbar, meine Glieder schmerzen bei jeder Bewegung.

Statt wie normale Menschen an eine simple Erkältung zu denken, gehen mir Dinge durch den Kopf, die vielen anderen Schwulen ebenfalls zuerst einfallen dürften: Ok, jetzt rächt sich mein unzüchtiges Verhalten!

 

Hab ich den Tripper? Chlamydien? Oder Syphilis? Alles zusammen? An den worst case will ich gar nicht denken. Aber eine HIV-Infektion wäre ja noch naheliegend. Immerhin stammen etwa die Hälfte der Ansteckungen in der Schweiz von Männern, die mit Männern schlafen.

Letzteres kann ich ausschliessen, da nur Safer. Oder doch nicht? Ich meine, wäre es das erste Mal, dass ein Stück Plastik gerissen ist? Immerhin werden zahlreiche junge Frauen schwanger, obwohl ihr Freund ein Gummi benutzt (weiss ich aus Talkshows)! Die anderen Krankheiten hingegen sind viel einfacher übertragbar. Und Hand aufs Herz: Wer benutzt wirklich Kondome beim Oralverkehr?

Unendlich lange auf die Ergebnisse warten 

Ich beginne nach meinem Handy zu kramen. Den Traummann vom Wochenende zu fragen, ob es ihm auch schlecht gehe, kommt nicht infrage. Was soll er von mir denken, wenn ich ihn sofort verdächtige, mir eine Geschlechtskrankheit angehängt zu haben?

Stattdessen suche ich die Öffnungszeiten des Checkpoints heraus. Eine Praxis, in der man sich auf Geschlechtskrankheiten testen lassen kann. Die Ärzte sind auf die sexuelle Gesundheit für schwule Männer spezialisiert. Viel besser, als Symptome zu googeln (besonders, wenns um Geschlechtskrankheiten geht. Tuts nicht!).

Einen mühsamen, unruhigen Arbeitstag zu Ende gebracht, eile ich dorthin, gebe meine Blutprobe ab und warte zwei unendlich lange Tage auf die Resultate.

Immer dieses schlechte Gewissen

Ich hasse diesen Aspekt meines Single-Lebens. So gut es sich auch anfühlt, frei zu sein, irgendwie vermute ich überall ein Ansteckungsrisiko. Klar, im schönsten Moment der Welt vergisst man den. Man wird deswegen manchmal sogar nachlässig – ja, fahrlässig! Und ein paar Tage später holt einen dann das schlechte Gewissen ein.

So einfach eine Tripper-, Chlamydien- oder Syphilis-Ansteckung auch geheilt werden kann (Antibiotika), das schlechte Gefühl, wenn ich ein positives Testergebnis bekomme, ist unbeschreiblich. Eine Mischung aus Schuld, Angst um die Gesundheit, und Angst ums Image.

Für dieses Mal bin ich noch mit meiner hypochondrischen Panik davongekommen. Alles negativ. Vielleicht schreibe ich dem Traumtypen vom Wochenende ja doch noch.