1. Home
  2. Blogs
  3. Voll schwul!
  4. «Voll schwul!»: Warum die ganze LGBTQ-Community an die Urne muss

Voll schwul!

Warum jetzt die ganze LGBTQ-Community an die Urne muss

Am 20. Oktober bestellen Schweizerinnen und Schweizer ein neues Parlament. SI-online-Blogger Onur Ogul nennt die Gründe, weshalb besonders sexuelle Minderheiten an die Urnen gehen müssen.

Placeholder

Die LGBTQ-Community kämpft an der Zurich Pride für gleiche Rechte. Welche zu wählenden Nationalratskandidatinnen und -Kandidaten haben sich diese Anliegen ebenfalls auf die Fahne geschrieben?

Keystone

Manchmal enttäuschte mich Bundesbern in den letzten vier Jahren, manchmal schafften es die Volksvertreterinnen und Volksvertreter aber, eine Freude zu bereiten. Durch die schwule Brille betrachtet bleibt mir besonders die Stiefkindadoption in Erinnerung. 2016 entschieden die Räte, dass von nun an auch Homosexuelle das Kind ihres Partners als Stiefkind adoptieren dürfen.

Auch der «Ehe für alle» ebneten die Abgeordneten während der letzten Legislatur den Weg. Doch gerade dieses Geschäft ist eins, das noch auf seinen Abschluss wartet. Eine nicht abschliessende LGBT-To-Do-Liste, welche die neue Truppe in Bern früher oder später behandeln werden muss:

  1. Kommt die «Ehe für alle» endlich?! Und wie wird die CVP-Initiative zur Abschaffung der Heiratsstrafe die Öffnung der Ehe allenfalls ausbremsen oder verhindern?
  2. Was ist mit der künstlichen Befruchtung? Wird mit der «Ehe für alle» auch gleich der Zugang für lesbische Paare zur Samenspende geöffnet?
  3. Was macht der Staat gegen Gewalt aus Homophobie? Heute gibt es keine Pflicht, solche Straftaten statistisch zu erfassen. Wir tappen im Dunkeln, was das Ausmass von Gewalt gegen LGBTQ-Menschen angeht.
  4. Wie schützt uns die Justiz besser vor Diskriminierung, die explizit aufgrund der sexuellen Orientierung erfolgt?
  5. Auch andere sexuelle Minderheiten warten auf einen Fortschritt in bestimmten Gebieten. So sollte das Parlament endlich intersexuelle Menschen vor ungerechtfertigten operativen Eingriffen schützen...
  6. ... und die offizielle Etablierung eines dritten Geschlechts vorantreiben.

Willst du wirklich Unterschriften sammeln?

Klar, wir stimmen in der Schweiz regelmässig über einzelne Geschäfte ab. Nicht alles jedoch wird dem Stimmvolk vorgelegt. Und sollten wir das wollen, müssen engagierte Menschen auf die Strasse Unterschriften sammeln gehen.

Die Hauptarbeit leistet immer noch das Parlament. Daher ist es die Pflicht eines jeden, dem die oben genannten Dinge am Herzen liegen, an die Urne zu gehen. Hier meine ultimativen Argumente, denen auch du, werter Leser, werte Leserin, nichts entgegensetzen kannst:

  1. Wenn du plötzlich was in der Schweiz bewegen willst, glaubst du wirklich, du hievst deinen Hintern an einem verregneten Sonntag von der Couch und gehst Unterschriften sammeln? Lass doch Gleichgesinnte die Arbeit direkt in Bern machen und wähle sie einfach ins Parlament! Netflix-Sonntag gerettet.
  2. Wahlen finden nur alle vier Jahre statt. Jetzt faul sein bedeutet darum ein striktes Motz-Verbot während dieser Zeit. Nur wer wenigstens versucht hat, Einfluss zu nehmen, darf sich das Maul über die Hugetobler im Bundeshuus zerreissen.
  3. Du bist praktisch von allem betroffen, was z'Bärn obä entschieden wird. In jeder Lebenslage. An jedem Ort der Schweiz. Von den Tampon-Preisen bis zur Rente, die deinem Partner zustehen soll. Du kannst gar nicht sagen, dass es dich nichts angeht.
  4. Wählen ist zu einfach, um es nicht zu tun: Liste auswählen, Stimmausweis unterschreiben, einpacken, ade.
  5. Nachdem du das Couvert abgegeben hast, wirst du so ein wohliges, grösser werdendes Gefühl in deiner Brust verspüren, das dir vorgaukelt, megaklug zu sein. Glaub mir, es lohnt sich! Gönn dir doch danach noch eine Cremeschnitte. Einfach zur Feier des Tages.

Wahlhilfen gibt es zur Genüge

Sollte ich dich überzeugt haben, an die Urne zu gehen, möchtest du bestimmt auch wissen, wen du wählen sollst. Wenn du nicht genau weisst, wofür die Parteien stehen, gibt es https://smartvote.ch/de/. Dort findest du durch einen Fragebogen heraus, wer zu dir passt. Wahl-Erklär-Videos gibts hier eins.

Und wenn es um die ganz konkret schwulen Anliegen geht, dann kannst du dich beim Schwulen-Dachverband Pink Cross schlau machen. Auch hilfreich: Kandidatinnen und Kandidaten bekennen auf https://2019.regenbogenpolitik.ch/ Farbe zu den einzelnen LGBTQ-Geschäften.

Da zeigt sich übrigens, Parteien links der CVP sind deutlich homo-freundlicher als ihre Konkurrentinnen. Die Mitglieder der Mitteparteien haben unterschiedliche Standpunkte und bei der SVP gibt es die meisten homo-kritischen Stimmen.

Vorsicht beim Panaschieren!

Natürlich bietet unser Wahlsystem die Möglichkeit, auch nur vereinzelte Politikerinnen und Politiker aus rechten Parteien zu wählen, indem man sie beispielsweise auf eine linke Liste setzt (das nennt man dann Panaschieren). Nur muss man dabei bedenken, wie die Verteilung der Parlamentssitze funktioniert.

Ein fiktives Beispiel: Setze ich einen homo-freundlichen SVP-Politiker, der vielleicht gar nicht mal so viele Chancen auf eine Wahl hat, auf meine SP-Liste, dann schenke ich der SVP als Partei eine Stimme. Blöd nur, wenn dann mein SVP-Gay-Typ keinen Sitz abkriegt, weil andere Spitzenkandidaten viel mehr Stimmen bekommen haben als er. Und im dümmsten Fall sind die dann nicht so homo-freundlich.

Wem also die Anliegen der LGBTQ-Community hoch prioritär sind, der sollte sich zweimal überlegen, homo-freundliche Aussenseiter von rechten Parteien auf eine linke Liste zu setzen.

Wo es nichts zu überlegen gibt: Holt euer Couvert hervor, packt es aus und nehmt euch für ein paar Minuten Zeit. Ich erinnere an dieser Stelle gerne an meinen Punkt 5 (Cremeschnitte).

Von Onur Ogul am 11.10.2019
Related articles